Tai Chi versus Qi Gong: Was sie verbindet, was sie unterscheidet und was die Forschung sagt
Brokatübung aus dem Qi Gong: „Mit den Fäusten stoßen“ am Strand. Foto: Stefan Klemens
„Was ist der Unterschied zwischen Tai Chi und Qigong?“ Diese Frage begegnet mir regelmäßig – von Menschen, die beide Begriffe kennen, aber noch nicht genau wissen, was sich dahinter verbirgt.
Zwischen beiden Praktiken liegen Jahrhunderte und sie haben eine unterschiedliche Herkunft. Tai Chi Chuan hat sich aus der Kampfkunst entwickelt und wurde im 19. Jahrhundert am Pekinger Kaiserhof unterrichtet. Qi Gong ist mit der Traditionellen Chinesischen Medizin verbunden und einfacher zugänglich. Was beide Praktiken dennoch verbindet, sind ähnliche Gesundheitseffekte. Wie das zusammenpasst, worin sie sich unterscheiden und welche Praxis besser zu dir passt, erfährst du in diesem Artikel.
Die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf einen Blick 🗂️
1. Verwandt, aber nicht gleich: Was Tai Chi und Qi Gong verbindet
Sowohl Qi Gong als auch Tai Chi stammen aus China und arbeiten mit dem Konzept des Qi, das laut der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) die vitale Lebensenergie beschreibt. Beide verbinden Bewegung, Atmung und Achtsamkeit. Ihre Nähe zur TCM ist allerdings unterschiedlich: Qi Gong ist von Anfang an eng mit ihr verbunden, während Tai Chi aus der Kampfkunst stammt und die Bezüge zur TCM erst später dazukamen. Tai Chi und Qigong haben somit ähnliche theoretische Grundlagen, Wirkmechanismen und Gesundheitseffekte.
Eine der am häufigsten zitierten Grundlagenarbeiten zu diesem Thema stammt aus einer Kooperation von Roger Jahnke vom „Institute of Integral Qigong and Tai Chi“ in Santa Barbara (Kalifornien) und seinen Kolleginnen Linda Larkey, Carol Rogers und Fang Lin vom „College of Nursing and Healthcare Innovation“ der Arizona State University in Phoenix sowie Jennifer Etnier von der „University of North Carolina at Greensboro“. (Jahnke et al., 2010).
Die Forscher werteten in ihrer Arbeit 77 Veröffentlichungen zu insgesamt 66 randomisierten kontrollierten Studien (RCT’s) mit insgesamt über 6.400 Teilnehmern aus. Bis heute ist sie eine der umfangreichsten Übersichtsarbeiten auf diesem Gebiet.
Die Autoren betrachten Tai Chi und Qi Gong ausdrücklich als zwei Varianten derselben Grundidee. Sie fanden vergleichbare Effekte über mehrere Gesundheitsbereiche hinweg – von Beweglichkeit über Herz-Kreislauf-Fitness bis zum psychischen Befinden. Genau deshalb werden die beiden Praktiken in der Forschung bis heute oft gemeinsam betrachtet.
2. Kampfkunst versus Energiearbeit: Was Tai Chi und Qi Gong unterscheidet
Trotz aller Gemeinsamkeiten gibt es grundlegende Unterschiede in der Praxis.
2.1 Tai Chi Chuan: Die Kunst der fließenden Bewegung
Wer Tai Chi zum ersten Mal sieht, denkt erst einmal an Seniorensport. Die Bewegungen sind langsam und ruhig. Doch genau darin liegt ihre besondere Qualität. Tai Chi ist Meditation in Bewegung: eine choreografierte Abfolge von Bildern und Übergängen, die auswendig gelernt, präzise ausgeführt und mit jeder Wiederholung tiefer verinnerlicht wird.
Dass diese Praxis ihren Ursprung in der Kampfkunst hat, ist zunächst überraschend. Tai Chi Chuan bedeutet übersetzt in etwa „Faustkampf nach dem höchsten Prinzip“. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Tai Chi am Pekinger Kaiserhof unterrichtet, unter anderem an Angehörige der Mandschu-Bannertruppen, der Elitegarde der Qing-Dynastie. Genau hier liegt die Wurzel des Wu-Stils, den ich unterrichte: Quan You, ein mandschurischer Offizier der kaiserlichen Garde, lernte bei den Meistern der Familie Yang und begründete damit die Linie, aus der später der Wu-Stil hervorging.
Im Unterschied zu anderen Kampfkünsten, die auf Härte und Kraft setzen, beruht Tai Chi auf Weichheit und Nachgiebigkeit: Der Angriff des Gegenübers wird umgelenkt, statt ihn zu blocken. Heute wird Tai Chi fast ausschließlich zur Gesundheitspflege und zum Stressabbau praktiziert. Seine strukturelle Tiefe rührt jedoch aus seiner kämpferischen Herkunft: Jede Bewegung hat einen Sinn.
Das Erlernen der Form ist der deutlichste Unterschied zwischen Tai Chi und Qi Gong. Eine vollständige Tai-Chi-Form kann bis zu 108 Bewegungen umfassen, die in einer festgelegten Reihenfolge fließend ineinander übergehen. Das Auswendiglernen und präzise Ausführen dieser Abläufe fordert Koordination, Konzentration und Gedächtnisleistung auf einzigartige Weise. Dass sowohl Tai Chi als auch Qigong nachweislich die kognitiven Funktionen verbessern, zeigt die Forschung deutlich. Mehr dazu in Kapitel 4.

2.2 Qi Gong: Die Kunst der Energiearbeit
Qi Gong bedeutet übersetzt „Energiearbeit“ oder „Qi-Kultivierung“ und ist ein Oberbegriff für eine Vielzahl verschiedener Praktiken: stehende Meditationen, einfache oder komplexe, sich wiederholende Bewegungsfolgen und Atemübungen. Viele Übungen sind so leicht, dass du sie auch im Sitzen oder Liegen ausführen kannst. Im Vergleich zu Tai Chi ist der Zugang somit sehr niedrigschwellig.
Die Übungen selbst reichen Jahrtausende zurück. Bereits auf dem Mawangdui-Seidenbild aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. sind frühe Bewegungsübungen (Daoyin) abgebildet. Die berühmten „Acht Brokate” (Ba Duan Jin) lassen sich ab der Song-Dynastie (10. bis 13. Jahrhundert n. Chr.) schriftlich nachweisen. Der Sammelbegriff „Qi Gong” ist dagegen jung: Er wurde erst 1949 durch den Arzt Liu Guizhen als übergreifender, gesundheitsorientierter Name für diese über Jahrhunderte gewachsenen Methoden geprägt. Die Praxis ist also uralt, das Wort dafür vergleichsweise neu.
Qi Gong ist seit vielen Jahrhunderten fest in der chinesischen Gesundheitspflege verankert, da der medizinische Aspekt im Vordergrund steht. In China kommt es als Therapie- und Rehabilitationsmaßnahme zum Einsatz, beispielsweise bei Beschwerden des Bewegungsapparats, Herz-Kreislauf-, Atemwegs-, Stoffwechsel- und Verdauungsbeschwerden sowie psychischen und psychosomatischen Beschwerden. Darüber hinaus wird es begleitend zu anderen Behandlungen eingesetzt. Die Übungen lassen sich dabei gezielt auf bestimmte Organe, Beschwerden oder Emotionen ausrichten.
Dennoch gibt es Überschneidungen zwischen beiden Praktiken. Die meisten Tai-Chi-Systeme umfassen eigene Qi-Gong-Übungen, mit denen bestimmte Aspekte vertieft werden. Umgekehrt wurden Tai-Chi-Bewegungen in einige Qi-Gong-Systeme integriert, etwa in die „18 harmonischen Übungen” (Shibashi), die in den 1970er Jahren von Professor Lin Hou Sheng am Qi Gong-Forschungsinstitut in Shanghai entwickelt wurden. Lin war zu jener Zeit auch an Versuchen zur Qi-Gong-Narkose beteiligt, einem heute kaum noch praktizierten Ansatz, bei dem Qi Gong zur Schmerzausschaltung begleitend eingesetzt wurde (vgl. Weinhold).

3. Tai Chi oder Qi Gong: Was passt zu wem?
Bevor wir uns mit der Forschung befassen, lohnt es sich, die praktische Frage zu stellen: Für wen eignet sich welche Praxis?
Tai Chi ist die bessere Wahl, wenn du:
Qigong ist die bessere Wahl, wenn du:
4. Was die Forschung über die Wirkung von Tai Chi und Qi Gong zeigt
Wer wissen möchte, ob Tai Chi oder Qi Gong „besser” wirkt, stößt schnell auf eine überraschende Lücke: Direkte Vergleichsstudien, in denen beide Praktiken gegeneinander antreten, sind kaum vorhanden. In der Forschung werden Tai Chi und Qi Gong meist als gleichwertig behandelt – nicht, weil ihre Gleichheit bewiesen wurde, sondern weil sie beide selten getrennt untersucht wurden.
4.1 Der große Überblick
Den bis heute umfassendsten Überblick liefert die eingangs erwähnte Übersicht von Jahnke und Kollegen aus dem Jahr 2010. Sie fasst Studien aus den Jahren 1993 bis 2007 zusammen und ordnet deren Ergebnisse neun Gesundheitsbereichen zu. Eine solche Übersicht bündelt viele einzelne Studien sehr unterschiedlicher Qualität. Die Autoren betonen selbst, dass sich die Studien zahlenmäßig nicht zu einem einzigen Effekt verrechnen ließen. Dafür waren sie zu unterschiedlich.
Am deutlichsten und beständigsten fielen die Ergebnisse in diesen Bereichen aus:
- Herz und Kreislauf. Der stabilste Einzelbefund war ein gesenkter Blutdruck, und das nicht nur im Vergleich zu inaktiven Gruppen, sondern in einzelnen Studien sogar im Vergleich zu Ausdauertraining. Hinzu kamen ein ruhigerer Puls und Hinweise auf eine bessere Herz-Kreislauf-Fitness.
- Gleichgewicht und körperliche Funktionen. In zahlreichen Studien mit älteren oder sturzgefährdeten Menschen verbesserte sich die Balance zuverlässig. Dies ist einer der am besten belegten Bereiche überhaupt, allerdings stammt der Großteil der Belege aus der Tai-Chi-Forschung.
- Lebensqualität. In den meisten Studien, die verschiedene Gruppen umfassten – von gesunden Personen bis zu chronisch Kranken –, wurde eine bessere Lebensqualität berichtet.
- Knochengesundheit. Vier Studien deuteten auf einen positiven Effekt hin, beispielsweise auf einen verlangsamten Knochenschwund bei Frauen nach den Wechseljahren.
Die Wirkung auf die Psyche war weniger eindeutig, aber vielversprechend: Angst und gedrückte Stimmung besserten sich recht verlässlich, vor allem im Vergleich zur inaktiven Kontrollgruppen. Am dünnsten ist die Datenlage beim Immunsystem – hier gab es nur sechs Studien, die auf eine bessere Impfantwort hindeuteten.
In den meisten Bereichen stammten die Ergebnisse überwiegend aus Tai-Chi-Studien und nicht aus Qi-Gong-Studien. Dass die Autoren beide dennoch als gleichwertig behandeln, hat einen nachvollziehbaren Grund: Viele Untersuchungen, die „Tai Chi” heißen, verwenden in Wahrheit eine stark vereinfachte Form, die einer Qigong-Übung sehr nahekommt. Genau diese Nähe rechtfertigt den gemeinsamen Blick. Sie erklärt aber auch, warum die Übersicht wenig darüber aussagt, ob ein bestimmter Effekt eher auf das Konto von Tai Chi oder Qi Gong geht.
Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die beiden Praktiken nicht gleichmäßig erforscht wurden. Einige Wirkbereiche sind für beide gut untersucht. Andere wurden fast ausschließlich von der Tai-Chi-Forschung abgedeckt.
Gut zu wissen – welcher Tai-Chi-Stil wurde eigentlich untersucht?
In der klinischen Forschung werden überwiegend der Yang-Stil (in der Regel die vereinfachte 24er-Form), der Sun-Stil oder eine westliche Vereinfachung genutzt.
4.2 Wo Tai Chi und Qi Gong ähnlich wirken
Betrachten wir nun die gemeinsamen Wirkungen beider Praktiken.
4.2.1 Stress und Nervensystem
In einer Meta-Analyse von 16 Studien untersuchten Larkey et al. (Heart and Mind, 2024), welchen Einfluss Tai Chi und Qi Gong auf die Herzratenvariabilität (HRV) haben – ein Marker dafür, wie gut der Körper zwischen Anspannung und Entspannung wechseln kann. Beide Praktiken steigerten die Aktivität des Ruhenervs. Die HRV misst das Gleichgewicht im Ruhezustand, nicht die Geschwindigkeit der Erholung nach einer Belastung. Gegenüber aktiven Vergleichsgruppen fiel der Vorteil geringer aus als gegenüber Menschen, die sich gar nicht bewegten.
Einen besonders sauberen Beleg gibt es in einer Tai-Chi-Studie von der Universität Bern (Nedeljkovic et al., 2012). 70 gesunde Erwachsene wurden zufällig entweder einem dreimonatigen Tai-Chi-Kurs oder einer Warteliste zugeteilt. Danach durchliefen alle dieselbe Stresssituation: Sie mussten eine Rede halten und Kopfrechnen vor Publikum – ein etablierter Test, der zuverlässig eine körperliche Stressreaktion auslöst. Die Personen, die zuvor Tai Chi geübt hatten, reagierten gelassener. Das Stresshormon Cortisol und die Herzfrequenz stiegen weniger stark an, das Speichelenzym Alpha-Amylase blieb niedriger und die Situation wurde als weniger belastend empfunden. Kurz gesagt: Regelmäßiges Üben dämpfte die Stressreaktion messbar – und das nicht nur gefühlt, sondern auch in mehreren körperlichen Werten zugleich.
4.2.2 Stimmung, Angst und Grübeln
In einer Übersichtsarbeit (Wang et al., 2010) wurden Hinweise auf weniger Stress, Angst und gedrückte Stimmung gefunden. Die Autoren weisen allerdings selbst darauf hin, dass viele der ausgewerteten Studien methodisch schwach waren. Die Richtung stimmt also, die Beweiskraft ist jedoch noch begrenzt. Ein wichtiger Hinweis: Bei ernsthaften psychischen Beschwerden ersetzt keine Bewegungspraxis eine ärztliche oder therapeutische Behandlung – höchstens kann sie diese begleiten.
4.2.3 Konzentration und Gedächtnis
Eine Meta-Analyse von 20 Studien (Wayne et al., 2014) zeigte bei gesunden älteren Menschen, die Tai Chi ausübten, bessere Exekutivfunktionen. Diese beinhalten die Fähigkeit, mehrere Aufgaben zu koordinieren, Zeit einzuteilen und Entscheidungen zu treffen. Genau diese Fähigkeiten leiden zuerst, wenn der Kopf voll ist und man unter Dauerstress steht.
Eine weitere Meta-Analyse (Hu et al., 2022) zeigte für Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Schlaganfall oder Demenz, dass sich durch beide Praktiken Gedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und räumliche Wahrnehmung verbessern. Beides ist ermutigend, ein Schutz vor Demenz lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
4.2.4 Nackenschmerz
Bei Tai Chi war das Training nach zwölf Wochen laut Lauche et al. (2016) vergleichbar wirksam wie gezielte Nackenübungen. Bei Qigong (Rendant et al., 2011) waren 18 Einheiten über einen Zeitraum von sechs Monaten der Regelversorgung deutlich überlegen. Im direkten Vergleich mit der Übungstherapie zeigte sich hingegen kein klarer Unterschied. Für alle, die viel am Bildschirm sitzen, ist das eine gute Nachricht: Sowohl Tai Chi als auch Qi Gong helfen bei verspanntem Nacken ähnlich gut wie klassische Übungen.
4.2.5 Gewicht und Körper
Eine Meta-Analyse von 24 randomisierten Studien mit gut 1.600 Teilnehmern hat untersucht, ob die beiden Praktiken beim Abnehmen helfen (Larkey et al., 2018). Das Bild ist gemischt: Eine deutliche Verbesserung der Körperzusammensetzung – vor allem des Körpermassenindex – zeigte sich in etwa vier von zehn Studien, also nicht durchgängig. Insgesamt errechneten die Autoren einen kleinen bis mittleren Effekt, allerdings nur im Vergleich zu Menschen, die sich gar nicht bewegten, und mit großen Unterschieden zwischen den einzelnen Studien. Am ehesten profitierten Menschen mit deutlichem Übergewicht. Kurz gesagt sind Tai Chi und Qi Gong es kein Abnehmprogramm, aber ein sinnvoller Baustein eines gesunden Lebensstils – gerade weil sich beide Praktiken leicht in den Alltag integrieren lassen und man durch die sozialen Beziehungen in der Gruppe langfristig dabei bleibt.
4.3 Wo bisher fast nur Tai Chi geprüft wurde
Die stärksten Belege der gesamten Forschung finden sich ausgerechnet in Bereichen, in denen Qigong kaum untersucht wurde.
4.3.1 Sturzvorbeugung und Balance
In einer großen, randomisierten Studie (Li et al., 2018) konnte gezeigt werden, dass ein therapeutisches Tai-Chi-Programm das Sturzrisiko im Vergleich zu Dehnübungen um 58 Prozent und im Vergleich zu einem etablierten, mehrteiligen Trainingsprogramm um 31 Prozent senkt. Da der Vergleich gegen aktive Trainingsformen und nicht gegen Nichtstun erfolgte, ist das Ergebnis besonders belastbar.
Die Forschung zeigt jedoch auch eine Grenze: Bei bereits stark gebrechlichen, hochbetagten Menschen ließ sich dieser Vorteil in einer weiteren Studie nicht mehr nachweisen.
4.3.2 Parkinson
In einer im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie des Oregon Research Institute (Li et al., 2012) übten 195 Menschen mit Parkinson über einen Zeitraum von sechs Monaten zweimal wöchentlich entweder Tai Chi, Krafttraining oder Dehnübungen. Tai Chi verbesserte die Standstabilität und die Gehfähigkeit und war dem Krafttraining in mehreren Gleichgewichtsmaßen überlegen. Die Teilnehmenden stürzten seltener als die Personen in der Dehngruppe und dieser Effekt hielt noch drei Monate nach dem Programm an.
4.3.3 Kniearthrose
Die Leitlinie des American College of Rheumatology empfiehlt Tai Chi bei Knie- und Hüftarthrose ausdrücklich. Grundlage hierfür ist unter anderem eine 52-wöchige Studie am Tufts Medical Center mit 204 Personen mit symptomatischer Kniearthrose (Wang et al., 2016), in der sich zeigte, dass Tai Chi ähnlich wirksam war wie eine Standard-Physiotherapie. Die Details dazu findest du in meinem Artikel „Tai Chi bei Arthrose”.
4.3.4 Fibromyalgie
Bei diesem chronischen Schmerzsyndrom verglich eine Studie des Tufts Medical Centers in Boston (Wang et al., 2018) Tai Chi mit Ausdauertraining, der wirksamsten nicht-medikamentösen Standardempfehlung. Unter den 226 Teilnehmern war Tai Chi dem Ausdauertraining ebenbürtig oder überlegen – je länger die Übungspraxis, desto größer der Nutzen.
4.3.5 Bluthochdruck
In einer Studie (Li et al., 2024) wurden 342 Menschen mit leicht erhöhtem Blutdruck über einen Zeitraum von zwölf Monaten an zwei Kliniken in Peking begleitet. Dabei zeigte sich, dass die Personen, die Tai Chi im Yang-Stil übten, den oberen Blutdruckwert stärker senken konnten als die Gruppe, die klassisches Ausdauertraining absolvierte.
Was bedeutet das für Qigong? Eine Leerstelle in der Forschung ist kein Beweis für Wirkungslosigkeit. Sie bedeutet lediglich, dass diese Fragen für Qi Gong bislang kaum gestellt wurden. Es gibt Hinweise darauf, dass sich Effekte auf das Gleichgewicht oder den Kreislauf teilweise übertragen, für Qi Gong ist dies in diesen Bereichen aber nicht belegt.
4.4 Wo Qi Gong seine eigene Stärke hat
Die eigentliche Stärke von Qi Gong lässt sich nur schwer in eine Effektgröße pressen. Sie liegt in der therapeutischen Tradition: In China wird Qi Gong seit Langem als Reha- und Begleitmaßnahme eingesetzt, etwa bei Beschwerden des Bewegungsapparats oder begleitend zu anderen Behandlungen. Diese Praxis wird seit Jahrzehnten gelebt und ist in der Anwendung gut dokumentiert, in der westlichen Studienlage jedoch deutlich dünner belegt als die oben genannten Tai-Chi-Themen.
Damit erklärt sich auch, warum Qi Gong in Studien seltener auftaucht: Sein größter Vorzug, der leichte Zugang, lässt sich nur schwer in einem Wirksamkeitsnachweis abbilden. Dort, wo eine ganze Tai-Chi-Form zu viel wäre, ist Qi Gong oft der realistische Einstieg. Das zeigt sich in der Praxis und nicht in einer Effektgröße.
Das folgende PDF fasst die Studienlage grafisch zusammen und kann heruntergeladen werden.
5. Fazit: Womit solltest du beginnen?
Menschen mit langjähriger Praxis überrascht es wenig, dass Tai Chi und Qi Gong das Nervensystem beruhigen. Nachdenklich gemacht hat mich bei der Betrachtung der Forschungslage jedoch die ungleichmäßige Verteilung der Studien: Gerade dort, wo die Belege am stärksten sind, wurde fast nur Tai Chi untersucht – und der Stil, den ich selbst unterrichte, taucht in keiner belastbaren Studie auf.
Wenn mich Menschen fragen, womit sie beginnen sollen, sage ich meistens: „Fang dort an, wo du gerade stehst.“ Wer körperlich eingeschränkt ist, viel Stress hat oder einen sanften Einstieg sucht, für den ist Qi Gong gut geeignet. Auch in meinen Kursen beginnen wir immer mit den fünf Qi-Gong-Vorübungen von Meister Ma Jiangbao, bevor wir uns der Form widmen. Viele Teilnehmende empfinden diese Übungen als besonders wohltuend bei Nacken- und Schulterverspannungen. Wer eine Praxis sucht, die ein Leben lang trägt und in der man immer wieder Neues entdeckt, für den ist Tai Chi Chuan die ideale Praxis.
Mich persönlich faszinieren nicht nur die gesundheitlichen Wirkungen, sondern auch die Vielschichtigkeit der Tai-Chi-Praxis: die Verbindung von Kampfkunst und Langsamkeit, die tiefe Verbindung von Körper und Geist, die sich erst nach Jahren vollständig erschließt, sowie das meditative Gemeinschaftserlebnis beim Praktizieren in der Gruppe.
Du bist neugierig auf Tai Chi im Park? Dann schau einfach mal bei meinen Kursen in Düsseldorf und online vorbei. Erfahre hier mehr zu den aktuellen Kursen.
6. Glossar
Exekutivfunktionen: Geistige Fähigkeiten, um Handlungen zu steuern – mehrere Aufgaben koordinieren, Zeit einteilen, Entscheidungen treffen, Impulse kontrollieren.
Herzratenvariabilität (HRV): Die feinen Schwankungen im Abstand zwischen zwei Herzschlägen. Sie gilt als Marker dafür, wie gut das Nervensystem zwischen Anspannung und Ruhe wechseln kann.
Kontrollgruppe: Die Vergleichsgruppe in einer Studie, die keine oder eine andere Behandlung erhält. Erst durch den Vergleich mit ihr lässt sich der Effekt der untersuchten Methode beurteilen.
Meta-Analyse: Geht einen Schritt weiter als die Übersichtsarbeit: Die Zahlenergebnisse mehrerer Studien werden statistisch zusammengeführt, um einen übergreifenden Effekt zu berechnen.
RCT (randomized controlled trial): Bei dieser Studie werden Teilnehmer zufällig (d.i. randomisiert) in zwei oder mehr Gruppen eingeteilt (zum Beispiel Tai Chi vs. Physiotherapie), um die Wirkung einer Methode ohne Verzerrung zu prüfen. Gilt als Goldstandard der klinischen Forschung.
Systematische Übersichtsarbeit: Fasst alle verfügbaren Studien zu einer Forschungsfrage nach festgelegten Kriterien zusammen. Liefert ein verlässlicheres Gesamtbild als eine Einzelstudie.
7. Referenzen
Dieser Artikel beruht neben eigenen Anschauungen auch auf folgenden Quellen.
7.1 Artikel zum Vertiefen
Ba Duan Jin, Wikipedia-Artikel zu Ba Duan Jin – mit Abbildungen früher Daoyin-Übungen
Qigong, Wikipedia-Artikel mit Abbildungen des Seidentuchframents aus dem 2. Jahrtausend v. Chr.
Ulrike Weinhold: 18 Übungen der Harmonie
Meine Blogartikel: Geschichte des Wu-Stil Tai Chi Chuan und Tai Chi bei Arthrose
7.2 Wissenschaftliche Literatur
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Jahnke R, Larkey L, Rogers C, Etnier J, Lin F. A comprehensive review of health benefits of qigong and tai chi. Am J Health Promot. 2010 Jul-Aug;24(6):e1-e25.
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Larkey L, James D, Vizcaino M, Kim SW.: Effects of Tai Chi and Qigong on Heart Rate Variability: A Systematic Review and Meta-Analysis. Heart and Mind 8(4): 310-324, 2024. https://journals.lww.com/hhmi/fulltext/2024/08040/effects_of_tai_chi_and_qigong_on_heart_rate.7.aspx
Larkey LK, James D, Belyea M, Jeong M, Smith LL: Body Composition Outcomes of Tai Chi and Qigong Practice: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Int J Behav Med. 2018 Oct. 25 (5): 487-501.
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Li F, Harmer P, Fitzgerald K, Eckstrom E, Stock R, Galver J, Maddalozzo G, Batya SS: Tai chi and postural stability in patients with Parkinson’s disease. N Engl J Med 2012; 366 (6): 511-519.
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Simone Pohlandt ist Tai-Chi-Trainerin im Wu-Stil und 2. Vorsitzende des EWTC e.V. Sie gibt Kurse in Düsseldorf und online: www.tai-chi-im-park.de/kurse-workshops

