Tai Chi und Future Skills: Was eine Kampfkunst mit den Kompetenzen der Zukunft zu tun hat
Nach dem Tai-Chi ging es in den Hörsaal. Foto: Jasmin Kurzhals
In Konferenzsälen, an Universitäten und in HR-Abteilungen wird derzeit dieselbe Frage gestellt. Welche Fähigkeiten braucht der Mensch, wenn Künstliche Intelligenz immer mehr kognitive Arbeit übernimmt?
Das eintägige, interdisziplinäre und generationsübergreifende Festival disCONNECT & CREATE fand am 21. Juni 2025 auf dem Campus der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf statt. Mit Keynotes, Workshops und Kulturformaten brachte es Menschen zusammen, die die digitale Zukunft mitgestalten wollen, mit Fokus auf KI, Future Skills, Mindset und das gesellschaftliche Miteinander im digitalen Zeitalter.
Die Antworten der Referenten – Fokus, Selbstreflexion, emotionale Intelligenz, Resilienz und Kreativität – sind jedem, der Tai Chi übt, sehr vertraut. Zwar wurde Tai Chi nicht mit dem Ziel entwickelt, Future Skills zu vermitteln, doch seit 150 Jahren trainiert es genau jene menschlichen Qualitäten, die sich nicht automatisieren lassen.
1. Was Future Skills sind und warum sie nicht neu sind
Der Begriff „Future Skills” bezeichnet zukunftsrelevante Kompetenzen, die Menschen befähigen, sich in einer digitalen und komplexen Welt selbstorganisiert, flexibel und verantwortungsvoll zu bewegen. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft unterscheidet dabei zwischen digitalen Kompetenzen, zu denen beispielsweise Datenanalyse oder Digital Learning gehören, und nicht-digitalen Kompetenzen wie Eigeninitiative, emotionaler Intelligenz oder Kreativität.
Dabei fällt auf: Vieles davon ist nicht wirklich neu. Holger Ehlert, Geschäftsführer der Düsseldorfer Studierendenakademie, brachte es bei der Diskussionsrunde auf den Punkt: Future Skills entsprechen weitgehend dem, was früher als Schlüsselqualifikationen bezeichnet wurde. Sie verändern sich mit den Anforderungen der Zeit, doch ihr Kern bleibt derselbe. Es geht darum, als Mensch handlungsfähig zu bleiben. In einer zunehmend automatisierten Welt wird das zur entscheidenden Frage.

Die Gastgeberinnen bei der Eröffnung im Hörsaal 3A 
Referenten mit dem Düsseldorfer Oberbürgermeister
2. Kurzer Rückblick auf den Digital Awareness Day
Das offizielle Programm wurde mit einem Online-Vortrag von Arndt Pechstein eröffnet: „Raus aus dem Hamsterrad, rein in die Zukunft!“, in dem er ein umfassendes Konzept mit 16 Future-Skill-Klassen vorstellte. In der anschließenden ersten Diskussionsrunde, dem „Future Panel“, wurde die Frage erörtert, wie Künstliche Intelligenz und damit verbundene Technologien verantwortungsvoll genutzt werden können. Danach folgten zwei Blöcke mit Workshops, dazwischen gab es eine Mittagspause.
Ich besuchte den Workshop „Ready for the Future: Self-Care statt Ausbrennen!“ mit Karin Struck. Sie gab wertvolle Impulse zum Energiemanagement und zum liebevollen Umgang mit sich selbst. Dabei regte sie die Teilnehmer auf wertschätzende Weise zum Nachdenken an. Es zeigte sich, dass Frauen besonders sensibel auf Stress reagieren und körperliche Schmerzen entwickeln können. Dies ist ein Thema, das sicherlich mehr Aufmerksamkeit verdient.
Am Nachmittag hielt Céleste Spahić (vormals Kleinjans), Gründerin der Mental-Health- und Meditations-App „MINDZEIT“, einen interessanten Vortrag mit dem Titel „KI & Future Skills. Digitale Intelligenz braucht emotionale Kompetenz“, auf den ich im nächsten Abschnitt näher eingehen möchte.
Anschließend gab es die zweite Diskussionsrunde, das so genannte „Humanity Panel“, bei dem es um die Zukunft der Menschlichkeit ging. Zum Abschluss stellten zwei Studentinnen eine eigene Keynote vor und präsentierten das Buchprojekt „Future meets you“. Der Abend klang mit Gesprächen und einem Glas Wein aus.
Die Referenten und Diskutanten des Festivals „Dis-Connect & Create“ waren sich einig: Alle Prozesse, die von der KI übernommen werden können und automatisierbar sind, werden in Zukunft ausgelagert. Der Mensch müsse sich seiner ureigenen Fähigkeiten stärker als bisher bewusstwerden und diese durch persönliche Weiterentwicklung ausbilden.

Future Panel am Vormittag 
Humanity Panel am Nachmittag
3. Die Verbindung, die mich überrascht hat
Ich unterrichte seit über 15 Jahren Tai Chi Chuan. In dieser Zeit hat mich nicht nur die Frage beschäftigt, wie man eine Form technisch korrekt ausführt, sondern was mit Menschen passiert, die regelmäßig üben.
Oft kommen sie erschöpft und kopflastig in den Kurs. Viele haben im Alltag den Kontakt zu ihrem eigenen Körper weitgehend verloren. Gründe dafür sind stundenlange Bildschirmarbeit, ständige Erreichbarkeit und kognitive Dauerbelastung. Man lebt im Kopf und vergisst den Rest. Tai Chi kehrt das um. Die Aufmerksamkeit wandert nach innen, in die Bewegung, in den Atem und in die Körpermitte.
Der Vortrag von Céleste Spahić hat mich besonders angesprochen. Tai Chi ist schließlich Meditation in Bewegung und damit thematisch eng mit den Ansätzen von „MINDZEIT“ verwandt.
Sie zeigte auf, wie sehr sich die Welt seit der Markteinführung des iPhones im Jahr 2007 verändert hat, und zitierte aktuelle Studien, denen zufolge die Zahl der psychischen Erkrankungen unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen dramatisch angestiegen ist.
Ich fand dazu folgende Zahlen von Maria Clark: Die Rate von Depressionen stieg bei Jugendlichen zwischen 2005 und 2017 um 52 Prozent, bei jungen Erwachsenen zwischen 2009 und 2017 sogar um 63 Prozent. Die Autoren Jonathan Haidt und Jean M. Twenge sehen übereinstimmend einen engen Zusammenhang mit der Verbreitung von Smartphones und der intensiven Nutzung sozialer Medien, verstärkt ab den 2010er Jahren. Letzterer weist auch darauf hin, dass besonders Mädchen und junge Frauen von den negativen Auswirkungen wie Angstzuständen, Einsamkeit oder Selbstverletzungen betroffen sind.
Spahić betonte: „Wir sind mit jedem vernetzt, aber weniger mit uns selbst verbunden.“ Sie rief dazu auf, den eigenen Geist zu trainieren, sich bewusst von den sozialen Medien zu lösen (zu „dis-connecten“), einen reflektierten Umgang mit digitalen Tools zu pflegen und sich wieder mit sich selbst zu verbinden (zu „re-connecten“).
In der anschließenden Diskussion unterstrich Julia Kounlavong, die unter anderem auch Yogalehrerin ist, wie wichtig dieser bewusste Umgang in Zukunft ist. In ihren Kursen beobachte sie, dass viele Menschen den Zugang zu sich selbst verloren haben.

4. Was die Forschung zu Tai Chi zeigt und was ich selbst beobachte
Die Forschung zu Tai Chi Chuan hat gezeigt, dass das Üben der langsamen Bewegungsabfolgen mehrere positive Effekte hat.
4.1 Fokus, Konzentration und ein wachsendes Gehirn
Mehrere unabhängige Metaanalysen, unter anderem von Wayne et al. (2014) und Lin et al. (2025), zeigen, dass Tai Chi die kognitive Leistungsfähigkeit, das Gedächtnis und die Konzentration verbessert. Die Effekte sind dabei nicht nur bei älteren Menschen, sondern auch bei gesunden Erwachsenen im Berufsleben nachweisbar. Besonders bemerkenswert ist, dass Mortimer et al. (2012) Hinweise darauf fanden, dass regelmäßiges Tai Chi mit einem größeren Hirnvolumen assoziiert ist. Dies zeigt, dass Tai Chi nicht nur funktionale Fähigkeiten trainiert, sondern auch strukturell auf das Gehirn wirkt.
Aus dem Unterricht kann ich Folgendes berichten: Nach einigen Wochen schildern viele Teilnehmer, dass sie bei der Arbeit konzentrierter sind. Dies liegt nicht daran, dass sie sich mehr anstrengen, sondern daran, dass ihr Geist ruhiger geworden ist. Weniger Gedankenkarussell bedeutet mehr verfügbare Aufmerksamkeit.
4.2 Kreativität und kognitive Flexibilität
Dong et al. (2019) zeigten, dass Tai Chi die Kreativität von Studierenden messbar steigert. Jiang (2023) fand ähnliche Effekte bei Tänzern: Ihr Bewegungsrepertoire wächst und ihre Fähigkeit zur Improvisation nimmt zu. Eine Studie in „Frontiers in Psychology” (2021) belegt zudem, dass Tai Chi die kognitive Flexibilität verbessert, also die Fähigkeit, Perspektiven zu wechseln und gewohnte Denkmuster zu verlassen.
Das deckt sich mit meinen Erfahrungen aus dem Unterricht. Das Erlernen der Form ist kein mechanisches Auswendiglernen, sondern ein ständiges Erforschen. Wie fühlt sich diese Bewegung an, wenn ich die Schultern loslasse? Was verändert sich, wenn die Kraft aus der Körpermitte statt aus den Armen kommt? Solche Fragen zur Selbstbeobachtung halten den Geist lebendig und beweglich.
4.3 Emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz
Wang et al. (2010) konnten nachweisen, dass meditative Bewegungspraktiken wie Tai Chi und Qigong die Empathie und emotionale Intelligenz steigern. Der zugrunde liegende Mechanismus ist nachvollziehbar: Wer lernt, den eigenen Körper feiner wahrzunehmen, wird auch sensibler für die Signale anderer.
Besonders deutlich erlebe ich das bei den Partnerübungen, dem Push Hands. Dabei lernst du buchstäblich, über die Berührung zu lauschen. Wohin will sich der andere bewegen? Wo ist seine Spannung? Wer kämpft, verliert den Kontakt. Wer fühlt, gewinnt Informationen. Diese Qualität – aufmerksam und präsent zu sein, ohne zu drängen – ist eine der wertvollsten sozialen Kompetenzen, die ich kenne.
4.4 Resilienz und Regeneration
Liu et al. (2015) sowie eine Qigong-Metaanalyse aus dem Jahr 2013 belegen, dass eine regelmäßige Tai-Chi-Praxis Stress, depressive Symptome und Angstzustände reduziert sowie die Lebensqualität verbessert – selbst bei Menschen mit chronischen Erkrankungen. Caldwell et al. (2011) zeigten zudem, dass Tai Chi die Achtsamkeit erhöht und die Schlafqualität verbessert.
Was diese Zahlen nicht abbilden, ist das Gefühl, nach einem langen Arbeitstag einige Vorübungen zu praktizieren oder die Form zu laufen und dabei zu merken, wie der Kopf langsam leerer wird. Das ist keine Metapher. Es ist eine wiederkehrende körperliche Erfahrung, die mit der Zeit zu einer verlässlichen Ressource wird.
5. Was Tai Chi kann und was nicht
Tai Chi ist kein Schnellkurs in emotionaler Intelligenz. Es ist eine Praxis, die Zeit erfordert und Regelmäßigkeit belohnt. Wer einmal pro Woche übt, wird zwar Veränderungen bemerken, aber nur langsam. Wer täglich übt, auch nur zehn Minuten, verändert sein Grundniveau spürbar schneller.
Tai Chi kann kognitive Erschöpfung durch Schlafmangel nicht ausgleichen, strukturelle Probleme im Berufsalltag nicht lösen und keine Meditation ersetzen, wenn jemand tiefgreifende psychologische Unterstützung braucht. Tai Chi ist ein wirkungsvolles Werkzeug, aber kein Allheilmittel.
Was es hingegen sehr gut kann, ist, eine ruhige, verlässliche Praxis zu sein, die sich in ein volles Leben integrieren lässt. Auf einer Wiese vor einem Hörsaal. In der Mittagspause. Im Park vor oder nach der Arbeit.
6. Wie du mit Tai Chi anfängst
„Tai Chi im Park“ ist darauf ausgerichtet: einen Raum zu schaffen, in dem Menschen sich bewusst vom digitalen Alltag lösen, in Bewegung kommen und sich selbst wieder näherkommen können. Denn die Zukunft gehört denen, die nicht nur mit der Technik, sondern auch mit sich selbst umgehen können.
Der einfachste Einstieg ist mein kostenloser Minikurs auf YouTube. Du brauchst weder Platz noch Vorkenntnisse, sondern nur ein paar Minuten pro Tag.
Wer lieber direkt mit Anleitung beginnt, ist in meinen Kursen in Düsseldorf oder online willkommen.
Und wer Tai Chi als buchbare Session für ein Event oder ein Unternehmen sucht, findet mein Angebot unter Firmenfitness.
7. Literaturverzeichnis
Detaillierte Informationen zu den einzelnen Themen habe ich hier zusammengestellt:
Psychische Gesundheit im digitalen Zeitalter
• Maria Clark, in: Etactics (2024): 40+ Frightening Social Media and Mental Health Statistics
• Jonathan Haidt, in: VIVID (2024): Kindheit mit Smartphone und Tablet
• Michaeleen Doucleff, in: NPR (2023): The truth about teens, social media and the mental health crisis
• Twenge, J. M. (2020): Increases in Depression, Self‐Harm, and Suicide Among U.S. Adolescents After 2012 and Links to Technology Use
Future Skills
• Ehlers, Ulf-Daniel (2020). Future Skills. Lernen der Zukunft – Hochschule der Zukunft. Springer
• Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft: Future Skills – Technologische, digitale, klassische und transformative Kompetenzen
Tai-Chi-Studien
• Caldwell, K., Harrison, M., Adams, M., Quin, R. H., & Greeson, J. (2011). Developing mindfulness in college students through movement-based courses: Effects on self-regulatory self-efficacy, mood, stress, and sleep quality. Journal of American College Health, 59(6), 535–544.
• Wayne, P. M., Walsh, J. N., Taylor-Piliae, R. E., Wells, R. E., Papp, K. V., Donovan, N. J., & Yeh, G. Y. (2014). Effect of Tai Chi on cognitive performance in older adults: systematic review and meta-analysis. Journal of the American Geriatrics Society, 62(1), 25–39.
• Wang, F., Lee, E. K., Wu, T., Benson, H., Fricchione, G., Wang, W., & Yeung, A. S. (2010). The effect of meditative movement on empathy and emotional intelligence. International Journal of Yoga, 3(2), 48–54.
• Liu, X., Clark, J., & Siskind, D. (2015). Tai Chi exercise and stress reduction in adults: a systematic review and meta-analysis. International Journal of Behavioral Medicine, 22(5), 590–602.
• Dong, M., Wang, C., & Wang, X. (2019). Effects of Tai Chi on creativity in college students. Journal of American College Health, 67(3), 235–243.
• Mortimer, J. A., Ding, D., Borenstein, A. R., DeCarli, C., Guo, Q., Wu, Y., & Chu, S. (2012). Tai Chi is associated with improvements in cognitive and physical function in the elderly. International Journal of Geriatric Psychiatry, 27(12), 1172–1177.
• Lin, L., He, Y.-X., Wen, Q., Liu, J.-Y., Dai, Y., Fei, Y.-Z., Li, H., Li, C.-Q., Zhou, H. (2025). Evaluation of the efficacy of Tai Chi on the cognitive function of patients with mild cognitive dysfunction and research on its mechanism. Frontiers in Aging Neuroscience.
• Jiang, Y. (2023). Tai Chi training: An effective method to enhance the oneness of mind and body in dance performance. Universiti Malaysia Sarawak.
• Frontiers in Psychology (2021). Tai Chi enhances cognitive flexibility and creative thinking in healthy adults. Frontiers in Psychology, 12, 665419.
• Qigong Meta-Analyse (2013). Effects of Qigong on depression and anxiety in patients with chronic illnesses: A systematic review and meta-analysis. Evidence-based Complementary and Alternative Medicine, 2013, 23401706.

