Wu Tai Chi Chuan: Geschichte, Prinzipien, Gesundheit und Vergleich mit dem Yang-Stil
Foto: KI-generiert zeigt die wichtigsten Vetreter des Wu-Stils: Wu Jianquan in der Mitte, l.o. Wu Quanyou, l.u. Ma Yueliang, r.o. Ma Jiangbao, r.u. Wu Yinghua.
Nach dem Yang-Stil ist der Wu-Stil der zweitbeliebteste Tai-Chi-Stil weltweit. Er ist kompakt und präzise und legt den Fokus auf die innere Kampfkunst. Seit über 150 Jahren wird der traditionelle Wu-Stil von Meister zu Schüler weitergegeben.
In diesem Artikel werden vier Aspekte des traditionellen Wu-Stils beleuchtet: seine historischen Wurzeln und die unterschiedlichen Richtungen (Beijing/Shanghai), die geistigen und körperlichen Prinzipien der Ausübung, seine gesundheitlichen Vorteile und schließlich der Vergleich mit dem eng verwandten Yang-Stil.
Dabei werden häufige Fragen beantwortet: Woher kommt der Wu-Stil? Was macht seine besondere Praxis aus? Und warum wird der Oberkörper im Wu-Stil leicht vorgelehnt, während er im Yang-Stil aufrecht steht?
Der Artikel soll eine allgemeine Übersicht über den Wu-Stil geben und Interessierten dabei helfen, den für sie optimalen Tai-Chi-Stil zu finden – egal, ob sie zum ersten Mal von Tai Chi Chuan hören oder bereits Erfahrung haben und tiefer einsteigen möchten.
1. Die Geschichte des Wu-Stil Tai Chi Chuan
Der Wu-Stil ist eng mit der Entwicklung und Verbreitung des Tai Chi Chuan verknüpft und hat seinen Ursprung in der Verbotenen Stadt, dem Herzen der Qing-Dynastie in Beijing.
1.1 Die Wurzeln: Von Yang Luchan zu Quanyou
Um 1850 war Yang Luchan (1799–1872), der Begründer des Yang-Stils, als Kampfkunstlehrer der kaiserlichen Leibgarde tätig. Er unterrichtete die Elitesoldaten Chinas, das sogenannte Lager des Gelben Banners. Seine besten Schüler waren drei Offiziere des mittleren Ranges: Wan Chun (萬春), Ling Shan (凌山) und Quan You (全佑).
Der Überlieferung nach verkörperte jeder von ihnen eine eigene Meisterschaft: Wan Chun beherrschte die harte, explosive Kraft, Ling Shan die weiche Energie und der Mandschure Quanyou (1834–1902) die Fähigkeit, Angriffe zu neutralisieren, also umzulenken. Letzteres sollte zum Herzstück des Wu-Stils werden.
Allerdings gab es ein protokollarisches Hindernis: Yang Luchan unterrichtete auch hochrangige Adlige und Beamte des Hofes. Es wäre unschicklich gewesen, einen rangniedrigeren Gardeoffizier wie Quanyou als direkten Schüler anzunehmen. Quanyou wurde daher offiziell Schüler von Yangs Sohn Yang Banhou, der für seinen kompakten, präzisen „kleinen Rahmen” bekannt war.
Inoffiziell lernte Quanyou jedoch weiterhin bei Yang Luchan selbst und gründete nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst eine eigene Tai-Chi-Schule, in der er seinen Sohn Wu Jianquan ausbildete sowie Wang Maozhai (später nördlicher Wu-Stil, siehe Abschnitt 1.5) und Guo Fen.
1.2 Der Begründer: Wu Jianquan
Wu Jianquan (1870–1942), der Sohn von Quanyou, wuchs in der Welt seines Vaters auf. Von frühester Kindheit an vertiefte er sich in die Kampfkünste und wurde Kavallerieoffizier. Aufbauend auf den Kenntnissen seines Vaters schuf er eine eigenständige, klar definierte Schule des Tai Chi.
Der entscheidende Moment für die öffentliche Verbreitung von Tai Chi Chuan kam in der frühen Republik China, als Wu Jianquan am Sportforschungsinstitut in Peking lehrte – gemeinsam mit anderen großen Meistern wie den Brüdern Yang Shaohuo (1862–1930) und Yang Chengfu (1883–1936).
Damit brach er mit der alten Tradition der geschlossenen Überlieferung, in der Tai Chi nur im engsten Schülerkreis weitergegeben worden war. Tai Chi wurde öffentlich und damit veränderte sich auch die Art, wie es gelehrt wurde.
In den 1920er Jahren wurde Tai Chi bewusst verlangsamt. Was zuvor als schnelle Kampfkunst geübt worden war, entwickelte sich zu einer meditativen Bewegungspraxis – zugänglich für alle, aber in seiner Tiefe unerschöpflich.
Wu Jianquan zog 1928 nach Shanghai und gründete dort 1935 die Jianquan Taijiquan Association. Diese wurde zum Fundament für die weltweite Verbreitung des Wu-Stils.
1.3 Die Weitergabe: Wu Yinghua und Ma Yueliang
Nach dem frühen Tod von Wu Jianquan im Jahr 1942 führten seine älteste Tochter Wu Yinghua und ihr Ehemann Ma Yueliang die Vereinigung in Shanghai weiter.
Wu Yinghua (1907-1996) hatte bereits im Alter von neun Jahren bei ihrem Vater mit dem Training begonnen und war mit siebzehn als Lehrerin in seiner Schule tätig. Sie verband eine tiefe Vertrautheit mit der Familientradition mit pädagogischer Erfahrung in der Großstadt Shanghai. Im Jahr 1930 heiratete sie Ma Yueliang (1901-1998), den Meisterschüler ihres Vaters.
Während der politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts bewahrten beide die Überlieferung und gaben den Wu-Stil an ihre Söhne und Töchter weiter. Nach der Kulturrevolution, als Tai Chi Chuan in China wieder öffentlich unterrichtet werden durfte, gehörten Wu Yinghua und Ma Yueliang zu den prägenden Figuren des „Neuanfangs“: Sie nahmen die Arbeit der Association in Shanghai wieder auf, entwickelten eine vereinfachte kurze Form, die einem größeren Publikum zugänglich war, und begannen, verstärkt auch im Ausland zu lehren – unter anderem in Neuseeland und Deutschland.
Über einen Zeitraum von mehr als sechs Jahrzehnten prägten sie den Wu-Stil weit über Shanghai hinaus. Ihre Bücher und Publikationen, darunter das oft zitierte „Orange Book“ mit Formen, Konzepten und Anwendungen des ursprünglichen Stils, wurden zu wichtigen Referenzwerken für Praktizierende des Wu-Stils weltweit [1]. Gleichzeitig bildeten sie eine große Zahl von Schülern aus, die bis heute in China und international unterrichten.
Ma Yueliang, der noch im hohen Alter von 86 Jahren aktiv lehrte und an Vorführungen teilnahm, wurde zur lebendigen Verkörperung der gesundheitsfördernden Kraft des Wu-Stils. Wu Yinghua wiederum galt als Bindeglied zwischen der Gründerfigur Wu Jianquan und der modernen Wu-Stil-Gemeinschaft.
1.4 Der Wu-Stil in Düsseldorf: Eine lebendige Linie
Mitte der 1980er Jahre gelangte der traditionelle Wu-Stil in die Niederlande und nach Deutschland, zuerst nach Düsseldorf. Ermöglicht wurde dies durch Tommy (Hin Chung Got), den Vorstand eines Vereins zur Förderung des deutsch-chinesischen Kulturaustauschs. Er lud Ma Jiangbao (1941–2016), den Enkel Wu Jianquans und Sohn von Wu Yinghua und Ma Yueliang, nach Düsseldorf ein, wo er zwei Jahre blieb und anschließend in die Niederlande zog. Die deutsch-niederländische Grenzstadt Venlo wurde über Jahrzehnte hinweg zu einem Treffpunkt für viele Tai-Chi-Übende.
Ma Jiangbao war der offizielle Linienhalter der direkten Linie in Europa. Er trug eine über 150 Jahre alte Familientradition in sich. Aus seinem Wirken entstand die European Association for Traditional Wu Tai Chi Chuan according to Ma Jiangbao (EWTC e.V.), von dem aus er bis zu seinem Tod im Herbst 2016 Schüler aus ganz Europa ausbildete.
Sein umfangreiches Übungssystem besteht aus vorbereitenden Qigong-Übungen, langer und kurzer langsamer Form, Schiebenden Händen (Pushings Hands), Säbel-, Lanzen- und Schwertform sowie schneller Form. Kursleiter und Lehrer werden innerhalb des EWTC e.V. ausgebildet.
Diese direkte Überlieferungslinie ist es, die den Wu-Stil nach Ma Jiangbao so besonders macht. Die Bewegungen, die du hier lernst, sind nicht irgendeine moderne Interpretation. Sie sind die Originalform.
1.5 Die Wu-Stile: Nördlich, südlich und ein Namensvetter
Wer sich tiefer mit Tai Chi beschäftigt, stößt schnell auf eine Verwirrung: Es gibt nicht nur einen Wu-Stil, sondern gleich mehrere – und zwei davon tragen denselben Namen, stammen aber aus völlig verschiedenen Linien. Ein kurzer Überblick soll Klarheit schaffen.
1.5.1 Der südliche Wu-Stil nach Wu Jianquan und sein nördliches Pendant
Als Wu Jianquan 1928 von Peking nach Shanghai zog, entstanden zwei geografische Linien, die bis heute lebendig sind:
Der südliche Wu-Stil (Shanghai-Linie/Wúshì Tàijíquán) wurde durch Wu Yinghua und Ma Yueliang in Shanghai gepflegt und von Ma Jiangbao nach Europa gebracht. Er ist die Linie, die bei Tai Chi im Park Düsseldorf unterrichtet wird. Neben der Shanghai-Linie existiert außerdem die Hongkong-Linie, begründet durch Wu Jianquans Söhne Wu Gongyi (1898–1970) und Wu Gongzao (1903–1983). Ein Teil der Familie siedelte 1975 nach Kanada über. Dort wird der Wu-Stil heute durch Eddie Wu (Wu Guangyu) vertreten.
Der nördliche Wu-Stil (Peking-Linie/Běijīng Wúshì Tàijíquán) geht auf Wang Maozhai zurück. Dieser blieb in Peking und baute dort eine eigene Lehrertradition auf. In seiner Zeit hieß es: „Im Süden Wu, im Norden Wang.“ Sein bekanntester Nachfolger war Wang Peisheng (1919–2004), der als Linienhalter des nördlichen Wu-Stils gilt.
1.5.2 Der Wu-Hao-Stil – ein anderer Ursprung
Neben dem Wu-Stil nach Wu Jianquan gibt es den sogenannten Wu/Hao-Stil, der ebenfalls zu den fünf offiziell anerkannten Hauptstilen des Tai Chi Chuan gehört. Trotz des ähnlichen Namens hat er einen völlig anderen Ursprung: Er geht auf Wu Yuxiang (1812–1880) zurück, einen Gelehrten aus wohlhabender Familie, der sowohl bei Yang Luchan als auch bei Chen-Stil-Meister Chen Qingping studierte.
Wu Yuxiang hatte nur einen bedeutenden Schüler – seinen Neffen Li Yiyu –, der die Kunst an Hao Weizhen weitergab. Dessen Sohn Hao Yueru (1877–1935) benannte den Stil schließlich nach seiner Familie: Hao-Stil. Sun Lutang, der Begründer des Sun-Stils, war ein Schüler dieser Linie.
Der Wu/Hao-Stil ist heute selten und wenig verbreitet. Er zeichnet sich durch sehr kleine, subtile Bewegungen aus, mit einem starken Fokus auf Gleichgewicht, innere Sensibilität und Qi-Entwicklung – noch kompakter und nach innen gerichtet als der Wu-Stil nach Wu Jianquan.
1.5.3 Die chinesischen Schriftzeichen – ein wichtiger Unterschied
Die Verwechslungsgefahr zwischen den beiden Wu-Stilen liegt auch daran, dass im Deutschen beide mit „Wu“ transkribiert werden. Im Chinesischen sind es jedoch zwei völlig verschiedene Zeichen mit unterschiedlicher Bedeutung:
吴 (Wú) – der Wu-Stil aus der Linie von Wu Jianquan. Es ist ein häufiger Familienname in Südchina.
武 (Wǔ) – das Zeichen von Wu Yuxiang. Es bedeutet „kriegerisch“ und steckt auch im Begriff 武术 (Wǔshù), dem chinesischen Wort für Kampfkunst.
| Stil | Begründer/Linienhalter | Merkmal |
| Wú-Stil (südlich), sog. „Neuer Wu-Stil“ | Wu Jianquan / Ma Jiangbao | Shanghai-Linie, in Europa durch EWTC e.V. verbreitet |
| Wú-Stil (nördlich) | Quanyou / Wang Peisheng | Beijing-Linie |
| Wǔ/Hao-Stil, sog. „Alter Wu-Stil“ | Wu Yuxiang / Hao-Familie | Eigener Ursprung, kleiner Rahmen, selten |
2. Die Prinzipien des Wu-Stils
Was Tai Chi von anderen Bewegungsformen unterscheidet, sind die inneren Prinzipien, die jeder Bewegung zugrunde liegen. Diese lassen sich in zwei Gruppen aufteilen: die innere Haltung des Geistes und die äußere Ausrichtung des Körpers.
2.1 Die fünf geistigen Prinzipien
Die Meister des Wu-Stils unterscheiden fünf Qualitäten des Geistes (Yi), die die Praxis tragen:
2.1.1 Ruhe des Körpers und des Geistes
Bevor du dich bewegst, kommst du zur Ruhe. Alle ablenkenden Gedanken lässt du los. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die korrekten Haltungen sowie auf die Harmonie von Händen, Augen, Körper und Schritten. Mit zunehmender Praxis vertieft sich die Ruhe: Zunächst spürst du die Ruhe deines Körpers (ruhiger, tiefer Atem), dann die Ruhe deines Geistes (leichte, fließende Bewegungen) und schließlich die Ruhe deines Wesens (ein Gefühl von Natürlichkeit und Leichtigkeit).
2.1.2 Leichtigkeit
Leichtigkeit bedeutet weder Mühelosigkeit noch Kraftlosigkeit. Die Kraft ist vorhanden – sie wird nur nicht nach außen gezeigt. Die Schritte sollen beweglich sein wie der Gang einer Katze: ruhig, aufmerksam und geerdet. Explosivkraft oder Steifheit unterbrechen die kontinuierliche Entfaltung der inneren Kraft.
2.1.3 Langsamkeit
Die langsame Ausführung der Formen ist das Herzstück der langen und kurzen Form des Wu-Stils. Entgegen dem gängigen Vorurteil, Tai Chi sei als Kampfkunst nicht ernst zu nehmen, sei gesagt: Sie gilt nicht für freies Push Hands oder die schnelle Originalform. Hier wird aus dem Prinzip der Langsamkeit das Prinzip der Wendigkeit. Ein Klassiker besagt: „Schnelle Reaktion auf schnellen Angriff, langsame Reaktion auf langsamen Angriff.“
Je langsamer eine Bewegung ausgeführt wird, desto werden mehr innere Kraft und Konzentration gestärkt. Langsamkeit gibt dem Geist die Zeit, jede Bewegung zu führen und zu verfeinern. Für eine vollständige Langform sind 25 bis 40 Minuten anzusetzen. Länger für den geübten Schüler. Kürzer für den Anfänger.
2.1.4 Genauigkeit
Alle Bewegungen werden bewusst und präzise ausgeführt. Die Kraft fließt kontinuierlich ohne Pause und ohne Unterbrechung. Die einzusetzende Kraft sollte stetig, deutlich und in eine Richtung gezielt sein, als ob sie von allen Seiten getragen würde. Genauigkeit ist wichtig, um Erfolg im Push Hands zu haben und ein hohes Niveau zu erreichen.
2.1.5 Beharrlichkeit
Tai Chi Chuan entfaltet seine tiefe Wirkung durch regelmäßige, kontinuierliche Praxis. Man muss nicht jeden Tag sehr viel üben, um besser zu werden. Es bringt mehr, wenn man jeden Tag ein bisschen übt. Und das jeden Tag, jede Woche. Wenn du mit Tai Chi beginnen möchtest, dann kläre dein Warum, damit dein Commitment stark genug ist, um dranzubleiben.
2.2 Die körperliche Ausrichtung
Parallel zu den geistigen Prinzipien gibt es präzise körperliche Ausrichtungen, die die Tai-Chi-Praxis strukturieren:
2.2.1 Scheitel aufrichten und Nacken entspannen
Der Kopf wird so gehalten, als würde er von einem unsichtbaren Faden, der am Himmel befestigt ist, oben gehalten – ganz ohne Anspannung. Der Kopf wird als Verlängerung der Wirbelsäule betrachtet. Hierzu wird das Kinn leicht eingezogen und der Blick fällt im 25-Grad-Winkel zum Boden. Diese Ausrichtung verbessert die Körperhaltung, fördert die innere Kraft und verhindert Schwerfälligkeit.
2.2.2 Brustbein senken, oberen Rücken heben
Die Brust ist leicht nach innen gewölbt und der obere Rücken rundet sich sanft ab. Dadurch kann die Lebensenergie (Qi) frei fließen und es entsteht Raum für leichte, agile Bewegungen. Zugleich werden dadurch Fehlhaltungen des Rückens ausgeglichen.
2.2.3 Schultern sinken lassen, Ellbogen fallen lassen
Hochgezogene Schultern blockieren die Bewegungsfreiheit. Im Wu-Stil werden Schultern und Ellbogen bewusst nach unten gesenkt, wodurch sich die Körperkraft verstärkt und weiter reicht.
2.2.4 Taille lockern, Steißbein zentrieren
Die Taille ist der Dirigent aller Bewegungen. Nur wenn sie wirklich gelockert ist, kann das Qi nach unten sinken und die Wurzel des Körpers stärken. Das Steißbein bleibt zentriert und der Rücken aufgerichtet.
2.2.5 Qi ins untere Dantian sinken lassen
Das untere Dantian, ein Energiezentrum unterhalb des Bauchnabels, ist der Ausgangspunkt aller Bewegungen. Bauchatmung hilft dabei, das Qi dorthin zu leiten und im gesamten Körper zirkulieren zu lassen.
Der Rumpf sollte zentriert und aufrecht und nicht schief sein. Das Rückgrat und das Steißbein sollten senkrecht und nicht zu einer Seite geneigt sein. Aber sobald es zum Wechsel von Öffnen und Schließen kommt, gibt es Bewegungen, bei denen die Brust eingezogen, der Rücken gestreckt, die Schultern gesenkt und die Hüfte gedreht werden.
Gespräche über das Üben von Taijquan, Quelle Nr. 10, S. 21.
3. Die gesundheitlichen Vorteile des Wu-Stils
Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wird Tai Chi Chuan als Gesundheitspflege verstanden. Was die Meister durch Erfahrung wussten, wird heute zunehmend durch die moderne Wissenschaft belegt. Die folgenden Ausführungen basieren auf den Forschungen des Arztes und Tai-Chi-Meisters Ma Yueliang [1].
Die gesundheitlichen Wirkungen des Wu-Stils lassen sich in vier Bereiche unterteilen.
3.1 Stressreduktion und Nervensystem
Der vielleicht wichtigste Vorteil des Wu-Stils für Menschen im modernen Alltag ist, dass er das Nervensystem auf tiefe und nachhaltige Weise beruhigt. Die langsamen, kontinuierlichen Bewegungen in Verbindung mit konzentrierter Aufmerksamkeit aktivieren das parasympathische Nervensystem, auch „Ruhemodus” des Körpers genannt.
Biochemische Studien zeigten: Eine regelmäßige Tai-Chi-Praxis senkt den Spiegel von Milchsäure und Katecholaminen im Körper. Letztere sind Vorläufer von Adrenalin und können zu Bluthochdruck und Herzerkrankungen führen. Wer regelmäßig übt, trainiert buchstäblich die Fähigkeit des Körpers, aus dem Stressmodus herauszufinden.
Die in der Praxis gesuchte Ruhe löst zudem Angst und innere Anspannung auf. Das vegetative Nervensystem mit seinen beiden Polen, dem aktivierenden Sympathikus und dem entspannenden Vagus, wird in seine natürliche Balance gebracht. Genau dort, wo chronischer Stress die meisten Schäden anrichtet, setzt Tai Chi Chuan an.
3.2 Herz-Kreislauf-System und Langlebigkeit
Anders als bei intensivem Sport, bei dem Puls, Blutdruck und Sauerstoffbedarf stark erhöht werden, trainiert Tai Chi das Herz-Kreislauf-System auf schonende, aber effektive Weise. Nach dem Training sind die Lebensgeister geweckt und man fühlt sich bereit für neue Taten.
Studien an älteren Tai-Chi-Praktizierenden zeigten im Vergleich zu Nicht-Übenden einen niedrigeren mittleren Blutdruck, eine geringere Häufigkeit von Arteriosklerose sowie eine bessere Herzfunktion bei Belastungstests.
Tai Chi wird für Menschen empfohlen, die bereits einen Herzinfarkt hatten oder an Herzerkrankungen leiden. Auch in der Rekonvaleszenz nach einem Myokardinfarkt kann eine moderate Tai-Chi-Praxis die Sauerstoffversorgung des Herzens verbessern.
Das klassische Zitat aus der Tradition bringt es auf den Punkt: „Mit 80 Jahren noch einer Menge Gegner standhalten zu können”. Das ist die Vision von körperlicher Vitalität bis ins hohe Alter, wie sie die Videos mit Meister Ma Yueliang eindrucksvoll vermitteln.
3.3 Haltung, Rücken und Beweglichkeit
Lange Stunden am Schreibtisch hinterlassen Spuren: Verhärtete Muskeln, ein steifer Rücken und eine nach vorne gezogene Haltung sind die Folgen. Dem wirkt der Wu-Stil gezielt entgegen.
Die körperlichen Ausrichtungsprinzipien – Scheitel aufrichten, Taille lockern und Schultern sinken lassen – führen mit der Zeit zu einer natürlichen, aufgerichteten Haltung. Du wirst sie zuerst im Kurs spüren, dann immer öfter im Alltag, etwa am Schreibtisch oder beim Gehen.
Die spezifischen Wirkungen sind:
- Die Wirbelsäule wird durch die aufrechte, aber entspannte Haltung entlastet.
- Verspannungen in Schultern und Nacken lösen sich mit regelmäßiger Praxis.
- Gelenke und Sehnen gewinnen an Beweglichkeit.
- Das Gleichgewicht und die Körperwahrnehmung (Propriozeption bzw. Tiefensensibilität) verbessern sich nachweislich.
- Röntgenaufnahmen von langjährigen Tai-Chi-Praktizierenden zeigen im Vergleich zu Gleichaltrigen nur milde Degenerationserscheinungen an Wirbelsäule und Knochen.
3.4 Konzentrationsfähigkeit
Tai Chi Chuan trainiert Körper und Geist gleichermaßen. Da alle Bewegungen aktiv vom Geist geführt werden, ist Tai Chi auch eine Form des mentalen Trainings. Die dafür nötige geistige Konzentration schult die Fähigkeit der Großhirnrinde, komplexe physiologische Prozesse zu steuern.
Das Ergebnis ist ein geschulter und beweglicher Geist. Die chaotischen, kreisenden Gedanken des Alltags treten dabei in den Hintergrund. Stattdessen stellt sich ein Zustand tiefer Konzentration ein, manchmal sogar ein Gefühl von Zeitlosigkeit und Leichtigkeit.
Wer regelmäßig übt, berichtet von besserem Schlaf, tieferer Erholung und einem klareren Kopf im Alltag. Das Schöne daran ist: Diese Klarheit nimmst du mit. Sie gehört dir in jedem Moment deines Lebens.
4. Wu-Stil und Yang-Stil – ein Vergleich
Wer sich mit Tai Chi beschäftigt, stößt früher oder später auf den Yang-Stil. Dieser ist weltweit am bekanntesten und am weitesten verbreitet. In der internationalen Rangordnung der Beliebtheit nimmt der Wu-Stil den zweiten Platz ein. Viele Tai-Chi-Übende fragen sich, warum der Yang-Stil und der Wu-Stil so unterschiedlich sind. Der folgende Vergleich soll diese Frage beantworten und dabei die Rolle des Atemtyps beleuchten.
4.1 Was beide Stile verbindet
Der Wu-Stil und der Yang-Stil haben denselben historischen Ursprung und dieselben Grundwerte. Sie sind beide gelenkschonend und für Menschen (fast) jeden Alters und Fitnesslevels geeignet. Sie fördern Gleichgewicht, Körperbewusstsein und Gesundheit auf nachhaltige Weise. Darüber hinaus können beide als Kampfkunst praktiziert werden, bei der Geist und Körper gleichermaßen trainiert werden.
Der entscheidende Unterschied liegt weniger im Ziel als vielmehr im Weg dorthin. Die folgenden Erläuterungen behandeln die Tai-Chi-Konzepte zwischen großem und kleinem Rahmen, die mit dem jeweiligen Atemtyp verbundenen Körperstrukturen, die Fußarbeit und die Drehbewegungen.
4.2 Großer Rahmen, kleiner Rahmen
Wer verstehen möchte, warum der Wu-Stil und der Yang-Stil so unterschiedlich sind, muss einen Blick in die Entstehungsgeschichte der langsamen Formen in den 1920er Jahren werfen. Als Tai Chi Chuan sich für die Allgemeinheit öffnete, brauchte es eine Form, die ohne kampfkünstlerische Vorbildung erlernbar war. Ein chinesisches Sprichwort besagt: „Der kleine Rahmen wird intern weitergegeben, der große Rahmen für alle anderen.“
Yang Chengfu (1883–1936), der Begründer der heuten Yang-Stil-Formen, entwickelte den sogenannten „großen Rahmen“: Weite, gleichmäßige und ausladende Bewegungen, die leicht zugänglich und erlernbar waren. Der „großen Rahmen“ bedingte auch weite Schrittlängen, die drei Fußlängen entsprechen [10, S. 25]. Der mittlere und kleine Rahmen nach Yang Jianhou und Yang Banhou sind heute weniger bekannt, da die meisten Tai-Chi-Schulen nicht über den großen Rahmen hinausgehen.
Wu Jianquan überarbeitete die damals gängigen Formen seines Vaters grundlegend. Er entfernte Wiederholungen, Sprünge und stampfende Bewegungen und erschuf so eine Praxis, die flüssig, gleichmäßig und in sich harmonisch war. Dabei blieb er beim „kleinen Rahmen“ und demgemäß auch bei kurzen Schrittlängen, die in der inneren Kampfkunst gelehrt werden. [7, 10] Diese entsprechen ein bis zwei Fußlängen, in der langsamen Form üben Anfänger sogar nur mit einer halben Fußlänge.
So wurde Tai Chi zu einer Bewegungspraxis für alle, und die Meister entwickelten ihre eigenen Stile.
4.3 Der Atemtyp: Warum dein Körper den Stil mitbestimmt
In der Tai-Chi-Praxis wird ein Aspekt oft unterschätzt: der Zusammenhang zwischen dem individuellen Atemtyp und der körperlichen Ausrichtung in der Form. Er erklärt auf überraschend stimmige Weise einige der strukturellen Unterschiede zwischen Yang- und Wu-Stil.
Das wohl auffälligste Merkmal des Wu-Stils ist die leichte Neigung des Oberkörpers nach vorne bei gleichzeitig gerader Wirbelsäule. Zu sehen im schräg abstützenden Bogenschritt mit Knie streifen (Lou Xi Ao Bu). Ein diesbezüglicher Fotovergleich zwischen Wu Jianquan und Yang Chengfu findet sich in Quelle Nr. 4. Sie waren beide Ausatmer und hatten den Oberkörper vorgeneigt, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.
Dennoch ist im Yang-Stil seit den 1950er Jahren häufig eine aufrechte, vertikale Haltung des Oberkörpers zu beobachten, insbesondere bei seinen Derivaten wie der 24er Peking-Form oder Zheng Manqing (1902–1975).
Die Zuordnung eines Stils zu einem bestimmten Atemtyp ist somit kein starres Gesetz. Der Yang-Stil umfasst sowohl Einatmer- als auch Ausatmer-Traditionen, wie der deutsche Tai-Chi-Meister Frieder Anders herausgearbeitet hat. Diese vermischen sich oftmals. Ein Beispiel ist die Ausatmer-Linie nach Yang Shouzhong, dessen Meisterschüler Chu King-Hung die Form in den Einatmer-Typ überführte [9].
Grundsätzlich lässt sich sagen: Menschen, die ihre natürliche Kraft aus dem Einatmen gewinnen (lunarer Einatmer-Typ), haben in ihrer starken Stellung eine aufrechte, weite Körperhaltung. Diese Aufrichtung schafft Raum im Brustkorb und unterstützt somit die Einatmung. Sie wird durch den charakteristischen 45-Grad-Winkel des hinteren Fußes ermöglicht. Dieser Winkel bietet die notwendige Offenheit für diese aufgerichtete Haltung. Gleichzeitig bietet sie der Position des Ausatmers nach vorne aber auch ausreichend Entfaltungsmöglichkeiten, sodass der Yang-Stil zu beiden Atemrichtungen hin flexibel ist.
Menschen, die ihre natürliche Kraft aus der Ausatmung gewinnen (solarer Ausatmer-Typ), fühlen sich in einer leichten Vorwärtsneigung des Oberkörpers wohler. Dabei wird der Bauchraum verengt und die Atmung konzentriert sich nach vorne. Dies ist der Hintergrund für die leichte Neigung des Wu-Stils nach vorne (etwa im 45-Grad-Winkel zum Boden). Charakteristisch ist die parallele Fußstellung (Ping Xing Bu), die auch im leeren Schritt und im Bogenschritt beibehalten wird [vgl. auch 10, S. 25]. Der parallele Stand des Wu-Stils eignet sich perfekt für diese Neigung, während er eine aufrechte Haltung, die dem Einatmer-Typ entspricht, weniger begünstigt und ins Hohlkreuz führt.

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Die Vorwärtsneigung bedeutet, dass der Körper eine Linie von der Ferse bis zum Scheitel bildet. Diese Haltung passt zur parallelen Fußstellung und ist sehr gut, um Kraft zu übertragen. Es entsteht eine ununterbrochene Linie von der Ferse bis zu den Schultern, und alle Körperteile spiegeln die Richtung wider, in die die Kraft ausgeübt wird.
Ma Jiangbao (Interview 2013), Quelle nr. 11
4.4 Fußarbeit und Drehbewegungen
Weitere Unterscheidungsmerkmale liegen in der Fußarbeit sowie in der Art der Ausführung von Drehbewegungen.
Der Wu-Stil ist für seine ausgesprochen ausgefeilte und detaillierte Fußarbeit bekannt. Es gibt genaue Anweisungen, wann und wie auf dem Ballen oder der Ferse eingedreht wird, wie Zwischenschritte im sogenannten Ding Zi Bu (T-Stellung) gesetzt werden und wie charakteristische Drehungen auf dem belasteten Bein ausgeführt werden. Diese Präzision erzeugt eine große Stabilität und Wendigkeit. Beim Yang-Stil gibt es weniger detaillierte Anweisungen. Die Schritte sind größer und werden ohne Zwischenschritte ausgeführt.
Im Wu-Stil findet die charakteristische Drehung zwischen Schultern und Taille statt, während die Hüfte weitgehend stabil bleibt. Im Yang-Stil wird hingegen die sogenannte Zentrumsbewegung ausgeführt: eine subtile Drehung des unteren Dantians, bei der die Hüfte ebenfalls stehenbleibt. Beide Ansätze aktivieren das untere Energiezentrum, jedoch auf unterschiedliche Weise.
Die Bewegungen des Yang-Stils folgen dem mittleren oder großen Rahmen. Sie sind weitläufig und raumgreifend, mit weiten Schritten und ausladenden Armbewegungen. Der Wu-Stil arbeitet dagegen mit dem kleinen Rahmen und ist daher sehr kompakt.
5. Zusammenfassung: Der Wu-Stil nach Ma Jiangbao
Der Artikel hat das Tai Chi Chuan des Wu-Stils aus vier Perspektiven dargestellt. Die wichtigsten Gedanken werden noch einmal zusammengefasst:
- Geschichte: Der Wu-Stil blickt auf eine über 150-jährige Tradition zurück: von Quanyou und Wu Jianquan über Wu Yinghua & Ma Yueliang bis zu Ma Jiangbao, der den Stil nach Europa und schließlich nach Düsseldorf brachte. Diese lebendige Weitergabe macht jede Bewegung zu mehr als einer Übung.
- Prinzipien: Die fünf geistigen Qualitäten – Stille, Leichtigkeit, Langsamkeit, Genauigkeit und Beharrlichkeit – sind eine Einladung, den eigenen Geist zu schulen. Die körperliche Ausrichtung hilft dabei, den Körper als Partner statt als Hindernis zu betrachten.
- Gesundheit: Das Tai Chi des Wu-Stils hat viele positive Effekte: Es beruhigt das Nervensystem, entlastet den Rücken, fördert das Herz-Kreislauf-System und schärft den Geist. All dies geschieht auf sanfte, nachhaltige Weise und ohne Leistungsdruck.
- Wu- und Yang-Stil: Beide Stile führen zur gleichen Quelle, jedoch auf verschiedenen Wegen. Der Yang-Stil zeichnet sich durch Weite und einen großen Rahmen aus, während der Wu-Stil durch Kompaktheit und Präzision besticht. Welcher Stil sich im Einzelfall stimmiger anfühlt, hängt auch mit dem eigenen Atemtyp zusammen und lässt sich am besten durch eigenes Ausprobieren herausfinden.
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6. Quellenverzeichnis
Dieser Artikel beruht neben eigenen Anschauungen auch auf folgenden Quellen.
6.1 Primärquelle
[1] Ma Yueliang / Wu Yinghua: Wu Style Taichichuan: Forms, Concepts and Application of the Original Style. Shanghai, 1991.
6.2 Online-Quellen
[2] Wikipedia: Wu-style tai chi.
https://en.wikipedia.org/wiki/Wu-style_tai_chi
(Abgerufen: März 2026)
[3] Wu’s Tai Chi Chuan Academy, London: Wu Style – History.
https://www.wustyle-europe.com/wu-style-history
(Abgerufen: März 2026)
[4] Richmond Taiji Association: Wu Style (吳氏).
https://rvataiji.wordpress.com/taijiquan/wu-style/
(Abgerufen: März 2026)
[5] WuTaijiquan.com: History.
http://www.wutaijiquan.com/wutaijiquan_history.html
(Abgerufen: März 2026)
[6] Military Wiki / Fandom: Wu Quanyou.
https://military-history.fandom.com/wiki/Wu_Quanyou
(Abgerufen: März 2026)
[7] Tai Chi Basics: Wu Style Tai Chi Chuan – Origin, History, and Forms.
https://taichibasics.com/wu-style-tai-chi-chuan-origin-history-and-forms/
(Abgerufen: März 2026)
[8] Tina C. Zhang: History of Classical Northern Wu Style Taijiquan
https://www.taichinyc.net/history-of-wu-style-tai-chi.html
(Abgerufen: März 2026)
[9] Frieder Anders: Die Bedeutung des individuellen Atemtyps im Taijiquan. Erstmals erschienen in: Taijiquan & Qigong Journal, Heft 1, 2008, online abrufbar unter:
https://www.taijiakademie.de/atemtyptaiji
(Abgerufen: März 2026)
[10] Pu Hanijan: „Der Körper steht zentriert und aufrecht“. Eine durchgehende Anforderung im Taijiquan?, in: Magazin für Chinesische Kampfkunst, Probeausgabe Oktober 2006, S. 19-29, online abrufbar unter:
https://www.taijiakademie.de/atemtyptaiji
(Abgerufen: März 2026)
[11] Martin Boedicker: An Interview with Ma Jiang Bao, online abrufbar unter:
https://cookdingskitchen.blogspot.com/2013/09/an-interview-with-ma-jiang-bao.html
(Abgerufen: März 2026)







