Warum gibt es kurze und lange Formen im Tai Chi Chuan?
Wer sich zum ersten Mal mit Tai Chi beschäftigt, stößt schnell auf ein kleines Rätsel: Da ist die Rede von 24er-, 48er- oder 108er-Formen und plötzlich fühlt sich eine einfache Frage wie „Womit soll ich anfangen?“ gar nicht mehr so einfach an.
Im folgenden Video erkläre ich dir, warum es kurze und lange Formen gibt und was sich hinter diesen Bezeichnungen verbirgt. Im Text darunter erhältst du weitere Hintergrundinformationen.
Kurze Formen: Der sanfte Einstieg
Kurze Formen wie die 10er oder 24er wurden erst im 20. Jahrhundert entwickelt, um Tai Chi Chuan einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Sie sind vereinfachte Versionen der langen Originalformen, destilliert auf das Wesentliche. Sie sind leichter zu lernen und lassen sich gut in den Alltag integrieren.
Ein Durchlauf dauert etwa 8 bis 10 Minuten. Das macht die kurzen Formen zu einem praktischen Werkzeug für die Mittagspause, den Morgen oder als Ausgleich nach der Arbeit. Wer Tai Chi zunächst kennenlernen möchte, kann mit einer kurzen Form einen guten ersten Eindruck gewinnen.
Die Lernzeit beträgt etwa ein halbes Jahr, vorausgesetzt, du übst regelmäßig.
Lange Formen: Das Original
Die lange 108er-Form ist in den fünf klassischen Tai-Chi-Stilen (Yang-, Wu-, Chen-, Wu-Hao- und Sun-Stil) die ursprüngliche Form. Sie ist nicht die schwierigere Version der kurzen Form, sondern das Fundament, auf dem alles andere aufbaut.
Aus der langen Form heraus wurden die Waffenformen entwickelt: das Schwert, der Säbel und der Fächer. Auch die schnelleren Formen und die Partnerübungen (Push Hands) basieren auf dem Körperverständnis, das du durch das Erlernen der langen Form entwickelst. Wer also mehr als nur Entspannung sucht, wer Tai Chi als Kampfkunst, als ganzheitliche Praxis oder als lebenslangen Weg verstehen möchte, kommt um die lange Form nicht herum.
Ein vollständiger Durchlauf dauert etwa 30 Minuten. Das vollständige Erlernen aller 108 Bewegungen dauert mindestens zwei Jahre. In dieser Zeit wirst du spüren, wie sich dein Körperbewusstsein, deine Haltung und deine innere Ruhe Schritt für Schritt verändern.
Im Wu-Stil, den ich bei „Tai Chi im Park” praktiziere, arbeite ich von Anfang an mit der langen Form. Nicht, weil der Einstieg schwerer sein soll, sondern weil die lange Form von Beginn an das volle Potenzial der Tai-Chi-Praxis eröffnet.
Wie lange dauert die Tai-Chi-Ausbildung insgesamt?
Tai Chi zu lernen, ist eine Investition, die sich über viele Jahre auszahlt – und das täglich. Die vollständige Ausbildung, die neben der langsamen Form auch Waffenformen und Push Hands umfasst, dauert etwa zehn Jahre.
Das klingt nach viel. Aber du wirst bereits ab der ersten Stunde davon profitieren. Entspannung, Körperbewusstsein und ruhigere Gedanken sind keine Ziele am Ende des Weges, sondern begleiten dich von Anfang an.
Ein altes chinesisches Sprichwort beschreibt das Ergebnis so: Tai Chi macht dich „geschmeidig wie ein Kind, gesund wie ein Holzfäller und gelassen wie ein Weiser.“
Und je mehr Formen du erlernst, desto leichter fällt das Lernen. Der Körper kennt die Prinzipien bereits – er wendet sie nur auf neue Bewegungen an.
Kurz oder lang: Was passt zu dir?
Wenn du Tai Chi als ruhigen Ausgleich zum Alltag suchst und erst einmal hineinschnuppern möchtest, ist die kurze Form ein guter Einstieg. Wenn du spürst, dass du mehr willst – eine tiefere Praxis, eine echte Kampfkunst, eine Bewegungsform fürs Leben –, dann empfehle ich dir, gleich mit der langen Form zu beginnen.
In meinen Kursen begleite ich dich, ganz gleich, wo du startest. Schau dir gerne mein aktuelles Angebot an: Kurse & Workshops.






