Ma Yueliang: Laborchemiker und Großmeister des Wu-Stils
Historisches Foto aus den 1930er Jahren: Ma Yueliang, Wu Jianquan, Chen Zhenmin (v.l.n.r.)
Mit über neunzig Jahren stand Ma Yueliang jeden Morgen auf, um Tai Chi zu üben. Zu diesem Zeitpunkt galt er bereits als einer der hundert besten Kampfkünstler Chinas. Er unterrichtete Schüler aus aller Welt und leitete gemeinsam mit seiner Frau eine der wichtigsten Tai-Chi-Vereinigungen des Landes. Wer ihn im Tui Shou, dem Spiel der schiebenden Hände, erlebte, beschrieb dasselbe: eine Ruhe, gegen die sich mit Kraft nichts ausrichten ließ. Der Angreifer traf ins Leere und war im nächsten Moment aus dem Gleichgewicht gebracht, ohne zu wissen, wie ihm geschah.
Nichts davon war ihm vorgezeichnet. Der Mann, der den Wu-Stil über sechs Jahrzehnte prägte und durch einige der dunkelsten Jahre der chinesischen Geschichte trug, begann seinen beruflichen Werdegang als Hilfskraft in einem Krankenhauslabor. Gleichzeitig trainierte er beim Großmeister des Wu-Stils, Wu Jianquan.
1. Ein Kind aus einer verarmten Mandschu-Familie
Ma Yueliang wurde am 1. August 1901 in Peking geboren. Sein Volljährigkeitsname (Zi) lautete Ma Songxiu. Seine Familie gehörte zum Volk der Mandschu, das über zweihundertfünfzig Jahre lang in der Qing-Dynastie China beherrscht hatte. Als Ma Yueliang zehn Jahre alt war, endete die Mandschu-Herrschaft und damit auch das mehr als zweitausend Jahre alte chinesische Kaiserreich.
Im Oktober 1911 begann mit einem Militäraufstand eine Revolution, der sich Provinz um Provinz anschloss. Nur wenige Monate später, am 12. Februar 1912, dankte der letzte Mandschu-Kaiser ab: der erst sechsjährige Puyi. An die Macht kam General Yuan Shikai, der die Abdankung ausgehandelt hatte. Der Revolutionsführer Sun Yat-sen trat zugunsten der Einheit zurück. Eine stabile Ordnung brachte dies jedoch nicht: Nach Yuans Tod im Jahr 1916 zerfiel das Land für mehrere Jahre in die Herrschaft rivalisierender Militärmachthaber (die sogenannte Warlord-Ära).
Für die Familie Ma war dieser Umbruch kein fernes politisches Ereignis, sondern ein Einschnitt mitten im eigenen Leben. Aus der einst herrschenden Schicht wurde über Nacht eine misstrauisch beäugte Minderheit. Viele Mandschu-Familien verloren ihre Stellung und ihr Auskommen. Manche legten sogar ihre Namen ab, um im neuen China nicht aufzufallen.
Ma Yueliang besuchte ab dem fünften Lebensjahr die Schule, doch mit fünfzehn, kurz nach dem Mittelschulabschluss, musste er sie abbrechen, da sich die Familie die Ausbildung nicht mehr leisten konnte. Was wie das frühe Ende seiner Bildungslaufbahn aussah, wurde jedoch zum eigentlichen Anfang. Denn wenige Jahre später führte ihn ein Gelegenheitsjob an einen Ort, der sein Leben entscheidend prägen sollte.
2. Vom Hilfsarbeiter zum Fachmann für Blutkunde
Im Jahr 1919, im Alter von achtzehn Jahren, nahm Ma Yueliang eine Stelle als einfache Hilfskraft in einem Pekinger Krankenhaus an. Das Peking Union Medical College (PUMC) war erst zwei Jahre zuvor mit Geld der amerikanischen Rockefeller-Stiftung gegründet worden und sollte medizinische Ausbildung nach westlichem Vorbild auf höchstem Niveau nach China bringen. Der Unterricht fand auf Englisch statt, die Auswahl der Studenten war streng und die Jahrgänge klein. Für einen Hilfsarbeiter ohne abgeschlossene Schulbildung war dies eine Welt, die sich ihm eigentlich nicht öffnete.
Sie öffnete sich trotzdem. In seinen Erinnerungen erzählt Ma Yueliang, wie die Leiterin des Krankenhauslabors, eine Britin namens Miss MaCoy, auf ihn aufmerksam wurde, weil er fleißig und aufgeweckt arbeitete. Sie fragte ihn, ob er zur Schule gegangen sei. Als er antwortete, er habe die Mittelschule abgeschlossen, vermittelte sie ihm einen Studienplatz am PUMC und unterstützte ihn finanziell.
Nach vier Jahren schloss er seine Ausbildung zum Laborchemiker ab und begann in der Abteilung für Bakteriologie und Blutuntersuchung des Krankenhauslabors zu arbeiten. Damit hatte er sein Fach gefunden: die Hämatologie, die Lehre vom Blut und seinen Erkrankungen, betrachtet aus der Perspektive des Labors, in dem Proben untersucht und Diagnosen vorbereitet werden. Aus dem Kind einer verarmten Familie, das die Schule hatte abbrechen müssen, war ein Fachmann an einer der angesehensten medizinischen Einrichtungen des Landes geworden.
Im Jahr 1929 kam der Wendepunkt, der ihn nach Süden führte. Yan Fuqing, der Leiter der Medizinischen Hochschule Shanghai, reiste nach Peking, um Personal für den Aufbau der Krankenhäuser in Shanghai anzuwerben. Unter ihnen war Ma Yueliang, der zusammen mit rund dreißig weiteren Fachleuten eingestellt wurde. Ma übernahm die Leitung der Laborabteilung am Rotkreuz-Krankenhaus, dem heutigen Huashan-Krankenhaus der Fudan-Universität. Es war das erste von Chinesen selbst gegründete Untersuchungslabor der Stadt. Neben seiner Tätigkeit in der Laborabteilung unterrichtete er an der angeschlossenen Krankenpflegeschule und bildete dort selbst Laborpersonal aus. In den Jahren bis 1942 leitete er die Labore mehrerer Shanghaier Krankenhäuser.
3. Der Meisterschüler, der in die Familie einheiratete
Ma Yueliang praktizierte Kampfkunst bereits als Jugendlicher und trainierte er in seiner Freizeit mit Säbel und Speer, suchte Lehrer und Trainingspartner und erlernte mehrere nördliche Stile, darunter San Huang Pao Chui, Tongbei und Shaolin. Es war die Neugier eines jungen Menschen, der vieles ausprobierte, ohne sich festzulegen.
Die Festlegung erfolgte durch Wu Jianquan und fiel etwa in die Zeit kurz vor Beginn seiner Hilfstätigkeit im Krankenhaus. Spätestens 1919, möglicherweise aber schon 1917, wurde Ma sein Schüler. Zwischen den Familien von Wu und Ma bestand eine über Generationen gewachsene Freundschaft, und der Meister machte Ma ein Angebot, das zugleich eine Bedingung war. Sinngemäß sagte er: Kampfkunst zu üben verlange Konzentration auf eine Sache. Wenn Ma bereit sei, sich ganz ihm anzuvertrauen, werde er ihm die Kunst weitergeben. Ma nahm an. Er ließ die anderen Stile hinter sich und widmete sich von da an allein dem Wu-Stil Tai Chi Chuan.
Wu Jianquan war ein strenger Lehrer. Er verlangte von seinen Schülern, die langsame Form innerhalb von drei Jahren zehntausend Mal zu üben. Ma Yueliang hat eine Übungsszene aus der Pekinger Zeit überliefert, die diese Strenge anschaulich macht: Der Meister spannte im Raum ein Seil auf Kopfhöhe der Schüler. Wer beim Üben mit dem Kopf über das Seil hinausragte, also aus der tiefen, gleichmäßigen Haltung nach oben auswich, dem tippte der Meister mit einem Lineal auf den Kopf. Die Knie blieben dabei stets leicht gebeugt, ein Aufrichten war nicht erlaubt. Ma Yueliang zufolge war das Grundlagentraining außerordentlich hart.
In einem Interview aus dem Jahr 1986 bestätigte Ma Yueliang selbst, wie lange dieser Weg dauerte: „Ich habe zehn Jahre lang jeden Tag beim Meister gelernt und unterrichte nun seit fünfzig Jahren – das ist einfach eine Tatsache, so ist es.“ Ein Zeitmaß, das zeigt, wie wenig sich diese Kunst erzwingen lässt.
Er machte rasche Fortschritte. Im selben Jahr, in dem sein Beruf ihn nach Shanghai führte, hatte Wu Jianquan die Stadt bereits zu seinem Wirkungsort gemacht: Er war 1928 dorthin gezogen und lehrte dort den Wu-Stil einer wachsenden Schülerschaft. Gemeinsam mit Yang Chengfu, dem prägenden Meister des Yang-Stils, gilt er als einer der Wegbereiter, die das Tai Chi in den 1920er- und 1930er-Jahren einem breiten Publikum öffneten. In Shanghai trainierte Ma Yueliang täglich mit Wu Gongyi, dem ältesten Sohn des Meisters, und vertiefte so seine Kenntnisse.
Im Jahr 1930 wurde aus dem Schüler ein Familienmitglied: Ma Yueliang heiratete Wu Yinghua, die älteste Tochter von Wu Jianquan, die selbst auf höchstem Niveau trainierte. Mehr über sie erfährst du in meinem Porträt der Meisterin Wu Yinghua. Von da an waren ihre Leben untrennbar mit dem Wu-Stil verbunden. Über sechzig Jahre lang gaben die beiden die Kunst gemeinsam weiter. In den Jahren nach der Heirat kamen ihre Kinder zur Welt, darunter Ma Jiang Chun (1931), Ma Hailong (1935), Ma Jiangbao (1941) und Ma Jiangling (1947). Sie sollten den Wu-Stil später selbst weitertragen.
Im Jahr 1933 wurde in Shanghai die nach dem Meister selbst benannte Jianquan-Taiji-Vereinigung gegründet. Wu Jianquan übernahm den Vorsitz und Ma Yueliang wurde sein Stellvertreter. 1935 bezog die Vereinigung ihre Räume im zehnten Stock des YMCA-Gebäudes an der Xizang-Straße im Stadtzentrum. Der YMCA (Christlicher Verein Junger Menschen) betrieb in Shanghai moderne, mehrstöckige Häuser für Sport und Begegnung – ein städtischer, teils westlich geprägter Ort, kein traditioneller Tempelhof.
Dass der Wu-Stil hier seine Heimat fand, sagt einiges über die Zeit aus: Die alte Kunst kam in der modernen Großstadt an. Das 1931 erbaute Gebäude, das westliche Backsteinarchitektur mit einem geschwungenen chinesischen Dach verbindet, steht bis heute, ist denkmalgeschützt und wird inzwischen als Hotel genutzt.

4. Die Flucht vor dem Ministeramt
1937 überfiel Japan China und nahm große Teile Shanghais ein. Die ausländischen Konzessionen der Stadt blieben zunächst jedoch unbesetzt. 1941 fiel schließlich ganz Shanghai unter japanische Kontrolle. In den besetzten Gebieten regierten Kollaborationsregierungen, also Verwaltungen, die mit der Besatzungsmacht zusammenarbeiteten. Diese wurden von Chinesen geführt, die sich auf die Seite der Besatzer gestellt hatten. Die bekannteste war das Regime um Wang Jingwei mit Sitz in Nanjing. In dieser Zeit verstarb 1942 Wu Jianquan – ein schwerer Verlust für seine Familie und die Kampfkunst des Landes.
In dieser schwierigen Lage geriet Ma Yueliang durch seine Kunst zwischen die Fronten. Zhu Minyi, der Außenminister der Nanjinger Kollaborationsregierung, war selbst Schüler von Wu Jianquan und kannte Ma persönlich. Er bestimmte Ma zum Gesundheitsminister dieser Regierung. Ein Bote des japanischen Geheimdienstes überbrachte ihm die Nachricht und gratulierte ihm, zugleich drohte er ihm, er habe den Posten unverzüglich anzutreten.
Ma Yueliang wollte sich nicht, wie er es später nannte, „für persönlichen Vorteil verkaufen”. Noch in derselben Nacht packte er seine Sachen und floh aus Shanghai in Richtung Chongqing, dem Sitz der chinesischen Gegenregierung im unbesetzten Landesinneren. Doch die Japaner und ihre Verwaltungen hatten die Verkehrswege abgeriegelt und kontrollierten diese streng.
Für seine Flucht bat er Feng Yueqian um Hilfe. Dieser war das Oberhaupt einer religiösen Bewegung in Shanghai. Im Gegenzug dafür bat er Ma, auf dem Weg ins Landesinnere für seine Lehre zu werben. Ma sagte zu. Es war eine Gefälligkeit aus der Not heraus, kaum der Rede wert, wie es damals schien. Erst viele Jahre später sollte diese Zusage unerwartete Folgen haben – doch darauf komme ich im nächsten Kapitel zu sprechen.
Der Weg war beschwerlich. In einem halben Jahr legte Ma mehr als zweitausend Kilometer zurück. Er durchquerte die Provinzen Zhejiang, Jiangxi, Fujian, Hunan und erreichte schließlich Guilin in Guangxi. Schließlich erreichte er Chongqing.
Dort begann er noch einmal von vorn. Auf Empfehlung kam er bei einem Arzt unter und ließ sich als Heilkundiger nieder, der mit Tuina, der chinesischen manuellen Therapie, behandelte. Bald wurde er einem hohen Offizier der nationalchinesischen Führung vorgestellt, den er behandelte und zugleich in Tai Chi unterrichtete. Über diesen Schüler kamen weitere hohe Beamte und bekannte Persönlichkeiten, um bei Ma Yueliang Tai Chi zu lernen. So wurde er in Chongqing zu einem angesehenen Mann.
Seine Weigerung hatte ihm das Leben gerettet. Zhu Minyi, der ihn zum Minister machen wollte, wurde nach dem Krieg als Landesverräter vor Gericht gestellt und hingerichtet.
5. Die junge Volksrepublik und ein Meister in Haft
Nach dem Sieg über Japan kehrte Ma Yueliang im Jahr 1945 nach Shanghai zurück. Er übernahm erneut Laborleitungen in verschiedenen Krankenhäusern und führte gemeinsam mit seiner Frau Wu Yinghua die Arbeit der Jianquan-Vereinigung fort.
Im Jahr 1949 wurde die Volksrepublik China ausgerufen. In dem neuen Staat begann Mao Zedong eine Reihe politischer Kampagnen und Säuberungswellen gegen tatsächliche und vermeintliche Gegner: Zunächst waren Anhänger der alten Ordnung, ehemalige Nationalisten und als staatsfeindlich geltende Bewegungen betroffen, später auch angebliche Feinde in den eigenen Reihen. Ma arbeitete zunächst unbehelligt im Staatlichen Handels-Krankenhaus weiter, doch 1955 holte ihn die Vergangenheit ein. Die Gefälligkeit von 1941 bekam im kommunistischen Staat ein anderes Gewicht.
Im Rahmen der Zhenfan-Kampagne (1950–1953) wurde unter anderem auch Feng Yueqians Bewegung verfolgt, die den Namen Yiguandao trug und noch heute besteht. In den 1930er- und 1940er-Jahren war sie die größte religiöse Bewegung Chinas. Es handelte sich um eine Erlösungslehre, die Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus verband und ihre Anhänger zur Missionstätigkeit anhielt. Da einige ihrer Vertreter während der japanischen Besatzung kollaboriert hatten, stufte der neue kommunistische Staat die gesamte Bewegung als konterrevolutionär ein und verfolgte sie landesweit.
Ma Yueliang war zwar kein Anhänger dieser Bewegung, doch allein die Verbindung zu ihr zählte. Im Jahr 1955 wurde er im Rahmen der sogenannten Sufan-Kampagne, einer Verfolgungswelle gegen vermeintliche „versteckte Konterrevolutionäre“, zu drei Jahren verurteilt. Er kam zur Arbeitsumerziehung in ein Krankenhauslabor in der Provinz Anhui, wo er entsprechend seiner Fachrichtung in der Laboruntersuchung eingesetzt wurde. 1957 wurde er vorzeitig entlassen und kehrte nach Shanghai zurück. Dort arbeitete er an zwei örtlichen Krankenhäusern, bevor er sich 1964 aus dem Berufsleben zurückzog.
Diese Kampagne war eine von mehreren, die der Kulturrevolution um mehr als ein Jahrzehnt vorausgingen – und gemessen an der Zahl der Todesopfer die mildeste. Die Wellen davor und danach forderten Hunderttausende Leben. Bei der Sufan-Kampagne setzte man stärker auf Verhaftung, Umerziehung und Überwachung. Ma Yueliang verlor drei Jahre seines Lebens, überlebte jedoch, kehrte zurück und übte weiter.
6. Verboten und verborgen: Tai Chi in der Kulturrevolution
Im Jahr 1966 begann die „Große Proletarische Kulturrevolution“. Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren hinweg rief die Führung um Mao Zedong dazu auf, die sogenannten „vier Alten“ zu zerschlagen: alte Ideen, alte Kultur, alte Sitten und alte Gewohnheiten. Kampfkunst galt als Inbegriff dieses Alten, als feudales Erbe, das in einer neuen Gesellschaft keinen Platz hatte. Meister wurden verfolgt, Übungshallen geschlossen und alte Handschriften sowie Waffen von den Roten Garden beschlagnahmt und vernichtet. Wer weiterüben wollte, tat dies im Verborgenen.
Was in diesen Jahren mit Ma Yueliang geschah, ist nicht durch ihn selbst überliefert, sondern lässt sich nur aus anderen Quellen erschließen. Chinesische Darstellungen berichten übereinstimmend, dass er im Jahr 1966 gemeinsam mit weiteren Kampfkunstmeistern öffentlich vorgeführt und gebrandmarkt wurde – als eine der „zehn reaktionären Kampfkunstgrößen“ Shanghais. Die Jianquan-Vereinigung fiel unter das Verbot feudalistischer Praktiken und musste ihre Arbeit einstellen.
Dabei sollen seine Wohnung durchsucht, ein Teil seines Besitzes beschlagnahmt und wertvolle alte Tai-Chi-Materialien zerstört worden sein. Es ist jedoch auch überliefert, dass Ma seine wertvolle Schwertsammlung selbst in einen Fluss geworfen haben soll. Auch andere Kulturschaffende jener Jahre zerstörten ihr Lebenswerk mit eigener Hand, um ihre Familien zu schützen. Den Roten Garden galten Waffen als besonders gefährliche Beweise für sogenannte konterrevolutionäre Absichten.
7. Die Wende: Tai Chi wird wieder öffentlich
Ende der 1970er Jahre wendete sich das Blatt. Mit dem Tod Maos im Jahr 1976 und der ab 1978 eingeleiteten Politik der Reform und Öffnung kehrte in China vieles zurück, was jahrelang verboten gewesen war – darunter auch die Kampfkunst. Ma Yueliang wurde rehabilitiert und schrieb, dass ihm „die Mütze abgenommen“ wurde – ein damals gebräuchlicher Ausdruck dafür, dass eine politische Brandmarkung aufgehoben wird. Mit großer Energie nahm er die Weitergabe des Tai Chi wieder auf.
Schon bald zeigte sich, wie groß der Nachholbedarf war. Als Ma Yueliang im Sportstadion des Shanghaier Bezirks Xuhui über die Geschichte und Theorie des Tai Chi sprach, kamen mehr als tausend Menschen. 1979 wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden des Kampfkunstverbands im Bezirk Xuhui gewählt. Im Jahr 1980 öffnete die Jianquan-Vereinigung wieder ihre Türen: Wu Yinghua übernahm den Vorsitz und Ma Yueliang wurde ihr Stellvertreter – so wie er es Jahrzehnte zuvor unter ihrem Vater gewesen war.
An erster Stelle steht die Gesundheit,
Ma Yueliang
an zweiter Stelle die Selbstverteidigung.
In ganz China nahmen die Meister, die die Verfolgung überlebt hatten, ihren Unterricht wieder auf und Tai Chi erlebte eine neue Welle der Begeisterung. Um zu verstehen, warum ausgerechnet jetzt, lohnt ein Blick auf die staatliche Seite dieser Geschichte, denn ihre Wurzeln reichen weit zurück.
Bereits 1952 begann die neu gegründete staatliche Sportkommission damit, Kampfkunst systematisch zu erfassen und für die Allgemeinheit aufzubereiten. Aus dieser Arbeit entstand 1956 die vereinfachte 24er-Form: eine kurze, leicht erlernbare Übungsreihe, die bewusst von Kampfanwendung und Familienlinie gelöst wurde. Damit wurde eine Trennlinie geschaffen, die es zuvor so nicht gegeben hatte: Auf der einen Seite stand das standardisierte Staats-Tai-Chi für die Massen, auf der anderen Seite die überlieferten Familienstile. Ma Yueliang verkörperte die zweite Seite, nämlich die durchgehende Weitergabe eines gewachsenen Familienstils mit allem, was dazugehörte.
Das entpolitisierte Wettkampf-Wushu wurde zum Aushängeschild der Volkrepublik. Im Jahr 1974 reiste eine elitäre chinesische Kampfkunst-Delegation in die USA, der unter anderem der junge Jet Li angehörte. Mit von der Partie war die junge Wushu-Meisterin Shi Meilin, die Jahre später eine der engsten Schülerinnen von Ma Yueliang und Wu Yinghua und von ihnen sogar adoptiert wurde. So überlebte die Kunst als Staatsrepräsentation, während ihre traditionellen Träger im Verborgenen weiterübten.
Die Wende kam durch den Vize-Regierungschef Deng Xiaoping. Am 16. November 1978, wenige Wochen vor dem Parteiplenum, das die Reform- und Öffnungspolitik einläutete, kalligraphierte er für ein Buchprojekt einer japanischen Delegation die Widmung „Tai Chi ist gut“ (太极拳好). Dies war eine hochrangige politische Geste: Was in der Kulturrevolution als „feudales Relikt“ gegolten hatte, wurde nun als wertvolles Kulturerbe ausdrücklich rehabilitiert. Für eine Partei, die nach Maos Tod ihr Ansehen zurückgewinnen musste, war eine kostenlose, überall praktizierbare und gemeinschaftsstiftende Bewegungsform ein naheliegendes Angebot an die Bevölkerung. In den Jahren danach entstand eine breite Tai-Chi- und Qigong-Welle, die weit über China hinausreichte.
Im Dezember 1982 wurde daraus konkrete Politik. Die staatliche Sportkommission berief in Peking die erste landesweite Wushu-Arbeitskonferenz mit 367 Teilnehmern aus 28 Provinzen ein. Unter anderem wurde beschlossen, das Kampfkunst-Erbe systematisch zu erschließen und aufzubereiten. Daraufhin lief landesweit eine Kampagne unter dem Motto „Faustschriften spenden, Waffen spenden, Übungsmethoden spenden“.
Zwischen 1983 und 1986 wurden 129 eigenständige Stile dokumentiert. Was jahrhundertelang familienintern geblieben war, sollte nun offengelegt werden, damit es nicht verloren geht. Dieser Aufruf erreichte auch Ma Yueliang und Wu Yinghua, die 1982 die schnelle Form beisteuerten – ohne Vorbehalte, wie Letztere es in ihrer Autobiografie formulierte. Ihre Schülerin Shi Meilin führte die schnelle Form 1983 bei einem nationalen Treffen für traditionelle Kampfkünste vor und erhielt dafür eine Auszeichnung. Auch Ma selbst zeigte sie nun öffentlich.
Der Ursprung der langsamen Form des Wu-Stils ist die schnellere, ausgeprägt kämpferische Abfolge Kuai Quan, was wörtlich „schnelle Faust“ bedeutet. Sie galt lange als der verborgene, fortgeschrittene Kern des Stils. Sie war zu anspruchsvoll und zu sehr auf Kampf ausgerichtet, um sie öffentlich zu lehren. Über Generationen blieb sie deshalb einem kleinen Kreis vorbehalten. Nach dem Tod Wu Jianquans im Jahr 1942 war Ma Yueliang ihr Hüter. In China wird sie bis heute so sehr mit ihm verbunden, dass man sie mancherorts einfach „Mas Form“ nennt.
Um diese Überlieferung schriftlich festzuhalten, verfassten sie mehrere Bücher über den Wu-Stil, in denen sie die Formen, das Tui Shou und die Prinzipien der Kunst beschrieben. Diese Werke wurden später in mehrere Sprachen übersetzt und fanden auch außerhalb Chinas Leser.
Was den Wu-Stil ausmachte, hat Ma Yueliang in folgende Worte gefasst:
Das Taijiquan im Wu-Stil ist kompakt, entspannt
Ma Yueliang
und natürlich und verkörpert in vollem Umfang die ätherischen, agilen und natürlichen Eigenschaften des Taijiquan. Beim „Push Hands“ ist es wichtig, aufrecht und ruhig zu stehen, vielfältige Techniken und Tricks anzuwenden, streng, feinfühlig und sanft zu sein,
ruhig zu bleiben und nicht unüberlegt zu handeln.
8. Der Weg nach Düsseldorf und ein Porträt von Thomas Struth
Ma Yueliang wurde in seinen letzten Jahrzehnten weit über China hinaus bekannt. Im Alter von über neunzig Jahren wurde er 1994/95 von der Chinesischen Wushu-Vereinigung und dem staatlichen Sportamt im Rahmen einer landesweiten Ehrung offiziell zu einem der hundert besten Kampfkünstler Chinas gewählt. Zusammen mit Wu Yinghua reiste er ins Ausland und kam um 1985/86 sogar nach Deutschland und die Niederlande.
Auf Einladung des Vereins zur Förderung des deutsch-chinesischen Kulturaustausches e. V. und der chinesischen Gemeinde in Düsseldorf reiste er, begleitet und unterstützt von seinem Sohn Ma Jiangbao, nach Düsseldorf. Zu dieser Zeit war er Taijiquan-Berater der Shanghai Jiaotong University und Vizevorsitzender des Wushu-Verbands im Bezirk Xuhui. Vier Monate lang unterrichteten die beiden hier intensiv, dann kehrte Ma Yueliang wie vereinbart nach Shanghai zurück.
Ma Jiangbao blieb. Er wurde zum Linienhalter des Familienstils in Europa. Bis 1988 unterrichtete er in Düsseldorf, danach verlegte er seinen Sitz in die Niederlande und verbreitete von dort aus den Wu-Stil weiter. Damit war die unmittelbare Verbindung zwischen Shanghai und dem Europa geknüpft – jene Linie, in der auch meine eigene Praxis steht.
Ma Yueliang behielt seine Fähigkeiten bis ins hohe Alter, unterrichtete noch als Neunzigjähriger und starb am 13. März 1998 im Alter von 96 Jahren. Seine Kunst des Tui Shou wurde über Jahrzehnte hinweg dokumentiert und wird bis heute in Aufnahmen und Berichten weitergegeben.
Eine mündliche Überlieferung aus meinem eigenen Umfeld sagt mehr über diese Kunst aus als jede Beschreibung. In den 1990er Jahren reiste mein Lehrer mit Ma Jiangbao und weiteren Schülern nach China. In Shanghai übten sie in der kleinen Wohnung des hochbetagten Ma Yueliang Tui Shou. Und er flog genau auf das Sofa. So präzise konnte Ma seine innere Kraft lenken.
Die Wohnung ist sogar in der Kunstgeschichte verewigt. Der Fotograf Thomas Struth, einer der bekanntesten Vertreter der Düsseldorfer Fotoschule, begann Ende der 1980er Jahre in Düsseldorf bei Ma Jiangbao mit dem Wu-Stil-Tai-Chi. 1996 entstand in Shanghai sein Gruppenporträt „The Ma Family“, das die Familie Ma in ihrer Wohnung zeigt – mit der für Struth typischen ruhigen, psychologisch dichten Genauigkeit. Im selben Jahr entstand ein Einzelbildnis des greisen Ma Yueliang mit dem Titel „Ma Yue Liang (On Chair)“. Beide Aufnahmen gehören heute zum festen Bestand bedeutender Fotosammlungen; das Einzelporträt befindet sich beispielsweise im norwegischen Nationalmuseum in Oslo.
Ma Yueliang hat ein bewegtes Jahrhundert durchlebt: Er wurde im letzten Jahrzehnt des Kaiserreichs geboren, wurde in der jungen Republik ausgebildet, von der Volksrepublik verfolgt und schließlich rehabilitiert. Drei Staatsformen, ein Jahrhundert – und mitten hindurch das Tai Chi als die Konstante, die ihn trug.
Auch mit vierundneunzig übe ich noch jeden Tag, um gesund zu bleiben. Ich möchte weiter dazu beitragen, den Wu-Stil als überliefertes Erbe zu bewahren und weiterzugeben – aus Verehrung und in Erinnerung
Ma Yueliang
an meinen Meister Wu Jianquan.
Was mich an Ma Yueliang fasziniert, sind seine überlieferten Tui-Shou-Vorführungen. Sie zeigen genau das, was in einem der Taiji-Klassiker, der Abhandlung des Wang Zongyue, über das Tai Chi im Kampf gesagt wird: „Wenn ein alter Mann viele Angreifer besiegt, kann er sich dann vielleicht auf seine Schnelligkeit verlassen?”
Auf Aufnahmen, die ihn mit seinem Sohn Ma Jiangbao beim Tui Shou in den Niederlanden zeigen, ist ein Mann mit stabilem Stand und voller Kontrolle über die eigene Kraft zu sehen. Zugleich verfügt er über die Leichtigkeit und Beweglichkeit, die die Übungsprinzipien verlangen. Es liegt sogar etwas Humorvolles darin: Der Partner fliegt davon, ohne sich zu verletzen.
1986 erzählte Ma Yueliang von einer Vorführung vor einem Fernsehteam aus Hongkong, bei der er auf einem Bein stehend sechs Personen gleichzeitig abwehrte:
„Und dann warf ich alle sechs
Ma Yueliang
mit meinem Qi auf einmal.“
Ähnliches wird über Yang Luchan, den Begründer des Yang-Stils, berichtet. In solchen Anekdoten ist seinen Gegnern nie ernsthaft etwas zugestoßen. Für Außenstehende mag das wie eine Absprache wirken. Das ist es jedoch nicht: Die Technik ist spontan und wir sehen lediglich die körperliche Reaktion desjenigen, der aus dem Gleichgewicht gebracht wird.
Ma Yueliangs Weg zeigt, was Tai Chi im Kern ausmacht: eine Kunst, die nicht aus Büchern, sondern durch Übung von Mensch zu Mensch weitergegeben wird. Genau diese Tradition – von Wu Jianquan über Wu Yinghua und Ma Yueliang zu Ma Jiangbao – setze ich in Düsseldorf fort. Wenn du den Wu-Stil kennenlernen möchtest, kontaktiere mich für Kurse und Privatstunden in Düsseldorf oder online.
9. Literatur und Quellen
Dieser Artikel stützt sich auf folgende Quellen.
9.1 Schriften und Interviews
Boedicker, Martin/Armin Sievers: China im Wandel: Die Zeit der großen Tai-Chi-Meister 1897–1937. Werner Kristkeitz Verlag 1998.
Zhenmin, Chen/Ma Yueliang: „Wu Jianquan Style Taiji Boxing – For Self-Study“. Health Magazine Society, 1935. Übersetzt von Paul Brennan, 2012.
Interview with Ma Yueliang, in: Taijiquan-Lilun: Journal of the Theory of Wu Style Taijiquan, Heft 4, hrsg. von Martin Boedicker, Forum for Traditional Wu Tai Chi Chuan, 2012. Nachdruck aus: „Tai Chi Chuan Wu-Stil: Ein großer alter Meister zu Besuch in Düsseldorf – Interview mit Ma Yueliang.“ Martial Arts – Magazin für Kampfkunst und Philosophie, Nr. 8 (1986), S. 2–9, MA-Verlag, Stelle-Wittenwurth.
Ma Yueliang: „Autobiography of Ma Yueliang.“ Website of Wu Yinghua Style.
Ma Yueliang/Zee Wen: Wu Style Taichichuan Push Hands (Tuishou). Shanghai Book Co., Ltd., Hongkong, 1986.
Saris, Bart: Wu Tai Chi Chuan: Eine differenzierte Darstellung mit Vergleichen zu anderen Schulen. Übersetzt von Roger Pfau, nicht öffentlich.
Sharp, Gerald A. „Ma Yueh-Liang’s Credo Was ‚Never Stop‘.“ T’ai Chi Magazine, 1998, S. 7.
Wang, Zongyue: „The Taiji Classics.“ Übersetzt von Paul Brennan, brennantranslation.wordpress.com/2013/05/25/the-taiji-classics.
Wu Ying-hua/Ma Yueh-liang/Shi Mei Lin: Wu Style Tai Chi Fast Form. Henan Science Skills Ltd., 1987.
Wu Ying-hua/Ma Yueh-liang: Wu Style Taichichuan: Forms, Concepts and Application of the Original Style. Shanghai Book Co., Ltd., 1993.
Wu Yinghua: „Autobiography of Wu Yinghua.“ Website of Wu Yinghua Style.
9.2 Wu-Stil in der Kunst
Struth, Thomas. The Ma Family, Shanghai. 1996, abrufbar auf der Website der Deutschen Börse Photography Foundation:
deutscheboersephotographyfoundation.org/de/sammeln/kuenstler/thomas-struth.php
Struth, Thomas. Ma Yue Liang (On Chair). 1996, Nasjonalmuseet, Oslo:
nasjonalmuseet.no/en/collection/object/MS-04301-2000
9.3 Videos mit Ma Yueliang (Auswahl)
Daniel Mac Giff: Ma Yueliang fast form Germany 1986
https://youtu.be/0RmetsJeIKU?si=UdX0HiGBrl50mP15
Daniel Mac Giff: Ma Yueliang Fast Form Netherlands 1986
https://youtu.be/qmkSMy1J2nQ?si=oPMYn0g5XqbblSMa
Daniel Mac Giff: Ma Yueliang Push Hands Ma Jiangbao
https://youtu.be/1OP_lCQUwQA?si=7nPEf0JfaaDXZe6B
rekcideob: A Tribute to Ma Yueliang
https://youtu.be/NuypzlnvCP0?si=DC4E4LYkimJoN-sn
Steffan de Graffenried: Ma YueLiang Taiji Push Hands (rare footage)
https://youtu.be/n7CXExJc9RE?si=L35qUMzdXeGyuwR7
Tai Chi: Wu Style tai chi Fast Form by Ma Yue Liang’s student (d.i. Shi Mei Lin – Anmerkung d. Verf.)
https://youtu.be/0JRF_Etczow?si=DUr4LLccw9THNpTm
United Tai Chi Center: Ma Yueliang Wu Style Tai Chi Sword
https://youtu.be/-bHvFO4vJgc?si=i0IwQKBPCxLlqM7b
9.4 Wikipedia
„Deng Xiaoping.“ Wikipedia, Wikimedia Foundation.
„Election of the Top 100 Chinese Martial Artists.“ Wikipedia, Wikimedia Foundation.
„Jianquan Taijiquan Association.“ Wikipedia, Wikimedia Foundation.
„Kampagne zur Unterdrückung von Konterrevolutionären.“ Wikipedia, Wikimedia Foundation.
„Kulturrevolution.“ Wikipedia, Wikimedia Foundation.
„Ma Yueliang.“ Wikipedia, Wikimedia Foundation.
„Mandschu.“ Wikipedia, Wikimedia Foundation.
„Peking Union Medical College.“ Wikipedia, Wikimedia Foundation.
„Sufan Movement.“ Wikipedia, Wikimedia Foundation.
„Yiguandao.“ Wikipedia, Wikimedia Foundation.
„Wu Kung-tsao.“ Wikipedia, Wikimedia Foundation.

