Wu Yinghua: Die erste Tai-Chi-Meisterin des 20. Jahrhunderts
Bild: Erstellt mit Canva Pro unter Verwendung einer Kalligrafie aus der Qing-Dynastie von https://www.clevelandart.org/art/1999.260.l sowie eines Fotos von Wu Yinghua (Urheber unbekannt)
Jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen – bei Sommerhitze und Winterkälte. Auf einem senkrecht stehenden Ziegel stehen und üben, bis kein Wackeln mehr spürbar ist. Mit 17 Jahren bereits als Lehrerin auftreten, in einer Zeit, in der Frauen im Tai Chi Chuan schlicht nicht vorgesehen waren.
Wu Yinghua (1907–1996) war die erste Frau, die Tai Chi Chuan öffentlich praktizierte und unterrichtete. Als Tochter des Stilbegründers Wu Jianquan, Ehefrau seines Meisterschülers Ma Yuehliang und Mutter von Ma Jiangbao war sie nicht nur die Frau bedeutender Männer. Sie war selbst eine Meisterin, die den Wu-Stil über Jahrzehnte geprägt und weitergegeben hat. Dieser Artikel erzählt aus ihrem Leben.
1. Als sich Tai Chi für Frauen öffnete
Im 19. Jahrhundert war Tai Chi Chuan eine Männerdomäne. Die Elitesoldaten des chinesischen Kaiserhofes trainierten Tai Chi unter der Leitung des Tai Chi-Meisters Yang Luchan (1799-1872). Mit dem Ende des chinesischen Kaiserreichs und der Gründung der Republik Anfang 1912 begann eine neue Ära.
Tai Chi Chuan trat erstmals an die Öffentlichkeit und wurde als Gesundheitsübung verbreitet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden somit Frauen in das Tai Chi Chuan eingeführt. Meist waren es die Töchter angesehener Tai Chi-Meister, die schon als Kinder mit dem Training begannen und später den Familienstil in der Öffentlichkeit vertraten.
2. Tai Chi von Kindesbeinen an
Wu Yinghua wurde 1907 als einzige Tochter von Wu Jianquan in Beijing (Peking) geboren. Im Alter von 9 Jahren begann sie mit dem Unterricht bei ihrem Vater. Über diese Zeit schrieb sie:
Ich erinnere mich, pünktlich um 5 Uhr zum Training aufzustehen, egal ob es heißer Sommer oder kalter Winter war. In Nordchina war es sehr kalt und mein Vater war umso strenger mit mir. Zu dieser Zeit war es eine große Herausforderung Kampfkunst zu trainieren. Ich übte damals auf einem senkrecht stehenden Ziegel. Fiel der Ziegel um, musste ich das Training wiederholen. Nach 10 Jahren harter Arbeit machte ich signifikante Fortschritte im Säbel, Schwert, Lanze und anderen Waffen.
Bereits im Alter von 17 Jahren assistierte Wu Yinghua ihrem Vater in Peking. Auf Einladung von Tai-Chi-Enthusiasten und Wushu-Fachleuten ging sie als Tai-Chi-Lehrerin nach Shanghai und präsentierte dort erstmals das Tai Chi des Wu-Stils.
Einige Jahre später, 1928, wurde ihr Vater ebenfalls nach Shanghai eingeladen, und blieb. 1935 gründete er die „Jianquan Tai Chi Chuan Association“, um den Wu-Stil weltweit zu verbreiten. Da Shanghai weiter südlich liegt als Peking, wurde das Tai Chi Chuan künftig „südlicher Wu-Stil“ genannt. Wu Yinghua repräsentierte die 3. Generation.
3. Heirat mit dem Meisterschüler ihres Vaters
Ihre älteren Brüder Wu Gongyi (1900-1970) und Wu Gongzhao (1903-1983) lernten ebenfalls bei ihrem Vater. Ab 1918/19 wurde Ma Yuehliang (1901-1998) als Meisterschüler aufgenommen. Wu Yinghua heiratete ihn 1930 in Shanghai. Aus dieser Ehe gingen 5 Söhne und 3 Töchter hervor, die Wu Yinghua im Tai Chi Chuan unterrichtete, darunter Ma Jiangbao, der die 4. Generation des Wu-Stils vertrat:
Mein Motto ist es tolerant und ehrlich gegenüber Anderen zu sein, sogar meine eigenen Kinder behandle ich aufrichtig. Ich glaube, dass es Liebe in der Welt gibt und ich liebe die Menschen und die Menschen lieben mich auch. Daher benutzte ich nie unfreundliche Worte gegenüber meinen Schülern, sondern gab ihnen geduldig Inspiration, um ihre Probleme zu bewältigen.
Ab 1980 unterrichtete sie auch ihre Adoptivtochter Shi Meilin (https://www.wutaichi.co.nz/), die bereits eine erfolgreiche Wushu-Kämpferin war und heute in Neuseeland lehrt.
4. Respektierte Tai-Chi-Meisterin in China
Ma Yuehliang und Wu Yinghua leiteten gemeinsam über 60 Jahre lang die „Jianquan Tai Chi Chuan Association“. Sie unterrichteten auch viele ausländische Schüler, wie Gerald A. Sharp (www.chiflow.com) oder Elena Camesi Janke (https://yinianzhai.ch/) sowie die Schüler von Ma Jiangbao während ihrer China-Reisen in den 1990er Jahren.
Weiterhin veröffentlichten sie mehrere Bücher zum Wu Tai Chi Chuan, darunter orangene Buch „Tai Chi Chuan: Forms, Concepts and Application of the Original Style“ von 1993. Hierfür posierte Wu Yinghua für die Fotos. Außerdem entstanden in den 1980er und 1990er Jahren mehrere Videos, die heute auf YouTube zu finden sind. Eine kleine Auswahl gibt es in meiner Videosammlung.
Im April 1996 starb die hoch geachtete Tai-Chi-Meisterin Wu Yinghua im Alter von 89 Jahren. Was von ihr bleibt, ist die liebevolle Haltung, die sie in ihren eigenen Worten zum Ausdruck brachte – „Ich liebe die Menschen, und die Menschen lieben mich auch“. Darin steckt das Wesentliche einer Lehrerin, die nie unfreundliche Worte benutzte und ihren Schülern mit Geduld und Wärme begegnete. Diese Haltung erkenne ich in meiner eigenen Arbeit wieder: Ich bin im Üben genau und präzise, aber ich arbeite immer mit Freude und Humor, denn Tai Chi soll nicht schwer sein, sondern leicht.
5. Literaturtipp
Wu Yinghua war nicht die einzige Frau, die im Tai Chi Chuan Geschichte geschrieben hat. Wer mehr über weitere herausragende Frauen in der Welt des Taijiquan erfahren möchte, findet hier eine lesenswerte Sammlung ihrer Porträts: Women don’t give up their eyebrows – Outstanding heroine among Taijiquan successors (zu deutsch: Frauen geben ihre Stärke nicht auf – Herausragende Heldinnen unter den Taijiquan-Nachfolgern).
Wu Yinghua ist die Großmutter des Wu-Stils, wie wir ihn heute kennen. Ihr Sohn Ma Jiangbao trug die Tradition nach Europa und in dieser direkten Linie steht auch der Unterricht bei Tai Chi im Park in Düsseldorf. Wenn dich diese Geschichte berührt hat und du selbst spüren möchtest, was in diesen Bewegungen steckt, bist du herzlich willkommen: Kurse & Workshops.








